Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 27 (1926)
- Article
- Berliner Erinnerungen
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 141 (sequence 30)
- Language
- German
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141 Frankfurt herübergeholten großen Kanzelredner aus der Alten Synagoge auszuschließen. Begreiflicherweise konnten die Gemeindebehörden auf derartige an sie herantretende Zumutungen nicht eingehen, und Wertheim bemerkte von seinem verwaltungspolitischen Gesichtspunkte aus, nicht mit Unrecht, daß man doch einen gewählten Rabbinen nicht sozusagen für trefe erklären könnte. Ob sich Geiger indessen in seinem neuen Wirkungskreise innerlich befriedigt gefühlt haben mag, ist eine Frage, die man frei hat an das Schicksal. Sein innigster Lebenswunsch, eine Lehrtätigkeit im großen Stile ausüben zu können, ist ihm hier, in der preußischen Hauptstadt erfüllt worden. Die Berufung an die Hochschule für die Wissenschaft des Judentums bereitete ihm die höchste Genugtuung, freilich wurde er bereits vor Beginn des fünften Semesters seiner Lehrtätigkeit vom Tode überrascht. Das Jahrzehnt nach dem preußisch-österreichischen Kriege von 1866 stellt die Glanzzeit des bürgerlichen Liberalismus in Deutschland dar. Das Gesetz vom 3. Juli 1869 spricht die staatsbürgerliche Gleichstellung aller Konfessionen aus. Fortan war somit jeder rechtliche und staatsrechtliche Unterschied zwischen den deutschen Juden und ihrer christlichen Mitwelt endgültig beseitigt. In diesem beseligendem Gefühle der nach so vielen Kämpfen endlich errungenen Gleichstellung schwelgte die damalige jüdische Jugend Deutschlands, und ihre Vaterlandsliebe lohte in hellen Flammen empor, als der Ruf zu den Waffen 1870 an sie erging. In den Hörsälen der deutschen Hochschulen wehte zu jener Zeit eine wahrhaft liberale Gesinnung, von konfessionellen Mißhelligkeiten unter der Studentenschaft war auch nicht die leiseste Spur zu bemerken. Das allgemeine Bestreben der damaligen gebildeten jüdischen Gesellschaft war vornehmlich darauf gerichtet, in der deutschen Allgemeinheit mehr und mehr aufzugehen. Hatte man doch alles erreicht, was man wünschen konnte. Dazu kam, daß einige ungewöhnlich begabte jüdische Parlamentarier die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich