Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 27 (1926)
- Article
- Berliner Erinnerungen
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 125 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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125 Gebiet und speziell nach Berlin gelangt, habe ich nicht zu erfahren vermocht. Aus alle Fälle war unser Abarbanell ein ausgesprochener, man könnte sogar sagen, ein leidenschaftlich deutschgesinnter Jude. Er lebte in jener idealen Weltanschauung, die über Raum und Zeit hinweg nur den Menschheitsgedanken als den einzig wirklichen bestehen läßt. Als Vorstand und als Lehrer im großen Berliner Handwerkerverein wirkte er in diesem Sinne durch sein zündendes Wort vielfach anregend, und die wenigen noch Ueberlebenden gedenken dieses in seinen idealen Schwärmereien so liebenswürdigen Mannes in allen Treuen. Ein kurzes Wort sei dem Geh. Sanitätsrat Dr. Steinthal gewidmet. Ein drolliges Menschenkind. Sein Leben war bis in das Allerkleinste hinein ein für alle Mal und unabänderlich geregelt. Er litt auch nicht die allergeringste Abänderung in feinen Anordnungen oder in seinen Lebensgewohnheiten. Peinlichste Gewissenhaftigkeit in der Ausübung seines Berufes, sorgfältigste Beobachtung seiner gesellschaftlichen Stellung als Arzt, tadellose Haltung, einfache Vornehmheit in der Kleidung und, wie gesagt, maschinelle Pünktlichkeit in allem Tun und Lassen — das war Steinthal. Er war ein übertrieben ftüher Aufsteher. In diesen ftühen Stunden pflegte er sich mit wissenschaftlicher Lektüre zu beschäftigen. Um jedoch seiner häuslichen Umgebung nicht lästig zu fallen, bereitete er sich nach gut 'tudentischer Art seinen Morgentrunk selber. Nun rundete ich endlich das Halbjahrhundert seiner Ehe. Die Gemahlirr satte sich mit der bereits ebenfalls recht angejahrten Köchin verabredet, an diesem Morgen den Gatten bei seiner Lektüre dadurch zu überraschen, daß sie ihm selber den gewohnten Mokka überreichen würde. Vorsichtig klopfen sie an der Tür des Arbeitszimmers; auf das leise gesprochene „Herein" öffnet sich die Tür und die von Glückseligkeit strahlende Gemahlin tritt, das Frühstücksbrett in beiden Händen, an den Gatten heran, der ob des ungewohnten Anblicks ganz, erstaunt fragt: „Was soll das? „Aber heute ist ja unser goldener Hochzeitstag, da wollte ich Dich eben mit dem Morgentrunk überraschen." „Nur keine Neuerungen" war die in ihrem Lakonismus nicht zu überbietende Antwort