Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 27 (1926)
- Article
- Berliner Erinnerungen
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 124 (sequence 13)
- Language
- German
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124 — Berufe. Er erfreute sich unter der jüdischen und christlichen Kollegenschaft eines hohen Ansehens. Und er hat durch sein tapferes Auftreten gar manches zur Beseitigung tieseingewurzelter Vorurteile beigetragen. Hohen Ansehens erfreute sich auch der Geheime Sanitätsrat Kristeller. Er war kein geborener Berliner, hatte sich aber binnen kurzer Zeit als Spezialist für Frauenkrankheiten und Geburtshilfe einen solchen Rus zu erwerben gewußt, daß er vom Kultusministerium zum Examinator an der großen medizinischen Staatsprüfung ernannt wurde. Dies ist aber nicht die Veranlassung, um derentwillen hier von ihm die Rede sein soll. Kristeller, später Präsident desDeutsch-JsraelitischenGemeindebunds.hattenämlichvon Hause aus bedeutende Kenntnisse in der hebräischen Sprache wie im gesamten hebräischen Schrifttum mit hinüber ins Leben bringen können. Poetisch angeregt von Natur, wie er nun war, konnte es nicht fehlen, daß die erhabenen Schöpfungen der Propheten, der Psalmen, der Spruchdichter einen mächtigen Eindruck auf ihn machten und ihn zu einer Uebertragung ins Deutsche reizten. Er hat in der Tat auch eine ganze Anzahl herrlicher Uebersetzungen angefertigt, von denen er dann gelegentlich Proben in seinem geselligen Heim zum Besten gab. Kristeller wußte sehr eindrucksvoll und mit jenem Pathos vorzutragen, wie er damals auch noch vielfach auf der Bühne üblich war. Ob diese meistens sehr gelungenen Uebersetzungen irgendwo veröffentlicht sind, habe ich leider nicht ermitteln können?) Verdient hätten sie es aber wohl, in weiteren Kreisen bekannt zu werden. Trug der Genannte in seinem Aeußeren, wie in seinem ganzen Gehaben, ein starkes Selbstbewußtsein zur Schau, so war, im Gegensatz zu ihm, der Sanitätsrat vr. Abarbanell nicht sowohl von der eigenen, als vielmehr von der Würde seines Namens durchdrungen. Er war stolz auf seine ruhmreiche Herkunft, denn er leitete seine Abstammung in direkter Linie von dem großen jüdisch-spanischen Gelehrten, Bibelexegeten und Staatsmann Don Isaak Abarbanell ab. Auf welchen Umwegen ein Zweig dieser spanisch-jüdischen Familie nach der Vertreibung aus deutsches *) Die Sprüche der Väter u. a. sind gedruckt, Berlin 1890 D.H.