Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 27 (1926)
- Article
- Berliner Erinnerungen
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 123 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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123 arme Kranke, sondern einen Arzt, der sich aus freiem Antrieb um alles Mögliche in der Gemeinde, vor allem um Familienangelegenheiten, bekümmert. Von solch einer Art war unser roter Markuse. Er stammte aus einem angesehenen und begüterten Berliner Hause, das einen regen geselligen Verkehr mit einem ausgedehnten Freundeskreise unterhielt. Dem heranreifenden Jünglinge boten sich somit frühzeitig die verschiedensten Gelegenheiten dar, sich eine ungewöhnlich große Personalkenntnis innerhalb der Gemeinde zu verschaffen, ein Umstand, der ihm in seinem späteren Leben vielfach zustatten kommen sollte. Markuse war nämlich ein geradezu prädestinierter Ehestifter. Welchen unter seinen befreundeten oder auch nur bekannten Junggesellen er einmal aufs Korn genommen hatte, der war ihm auf Gnade und Ungnade verfallen, bis er schließlich, wohl oder übel, ins Ehejoch eingeschirrt wurde; es waren darüber die drolligsten Geschichten im Umlauf. Er selber aber blieb weit über die übliche Lebenszeit hinaus unverehelicht. Und als er endlich, schon recht erheblich angejahrt, eine sehr elegante und lebenslustige Witwe zu seiner Lebensgefährtin erkor, erregte diese Spätheirat unter seinen zahlreichen guten Freunden so etwas wie ein Gefühl der Enttäuschung. Wer wird künftig, so fragte man sich in seinen Kreisen, das Amt eines freiwilligen Schadchen (Heiratsvermittler) mit solch einer Virtuosität verwalten. wie er es getan?-In seiner ärztlichen Berufstätigkeit repräsentierte er den leider längst ausgestorbenen Typusdes Hausarztes. Er war nicht blos der zuverlässige Helfer am Krankenbette, er war vielmehr der vertraute Freund und Berater in allen Lebensnöten. Und hierbei gerade war er so recht in seinem Elemente. „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut", das war sein Wahlspruch. Beim Militär hatte er es, was zu jener Zeit für einen Juden in Preußen eine ganz besondere Auszeichnung bedeutete, bis zum Ober- Stabsarzt gebracht. Seine männlich-kräftige Gestalt, seine gute äußere Haltung, seine Offenherzigkeit, seine echte kameradschaftliche Gesinnung trugen das ihre dazu bei, ihn im damaligen Sanitätskorps durchzusetzen, aber in der Hauptsache tat es doch seine Tüchtigkeit im ärztlichen