Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 27 (1926)
- Article
- Berliner Erinnerungen
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 122 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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122 die Umstehenden in die heiterste Stimmung versetzt wurden- Solch ein Genrebild aus einer längstverklungenen Zeit verdient m. E. der Vergessenheit entrissen zu werden. In unmittelbarer Nähe Friedbergs hauste ein wieder ganz anders geartetes Original von einem Arzte namens Julius Baer, meist Jules genannt. Er wohnte in der Großen Präsidentenstraße. Seine ärztliche Praxis erstreckte sich zumeist auf die östlichen und nordöstlichen Vororte der Stadt. Das Honorar wurde meistenteils in Forin von verschiedenen Lebensmitteln dem Arzt in seinen Wagen hineingebracht. Da gab es denn einen gar drolligen Anblick, wenn in den Nachmittagsstunden das schwerfällige, vollbeladene Fuhrwerk vor dem Hause hielt und sich zuerst die sehr gewichtige Doktorstatur aus der engen Wagentür mühselig genug hinausschob, und schließlich die Fleisch-, Butter-, Gemüse- und sonstigen Lebensmittelmassen nachfolgten. Uebrigens gebührt dem vr. Baer ein Ehrenplatz in der Geschichte Berlins. Er war nämlich im Verein mit dem vielgenannten Vorleser Friedrich Wilhelm IV. und Wilhelm I., Louis Schneider, der Begründer des „Vereins für die Geschichte Berlins." Noch eines anderen Arztes aus dem gleichen Stadtviertel, nämlich des San. Rats Lehfeldt, sei eines besonderen Umstandes wegen gedacht. Er ist der einzige damalige jüdische Arzt gewesen, der an Sabbaten und Festtagen seine nicht unbeträchtliche ärztliche Praxis zu Fuß erledigte, und alle etwa notwendig gewordenen Verordnungen den betreffenden Apothekern in die Feder diktierte. Handelte es sich indessen darum, einer Lebensgefahr vorzubeugen, so war selbstverständlich von dieser strengen Uebung keine Rede, denn für derartige Fälle hatte, nach rabbinischer Entscheidung, die strenge Sabbatruhe keine Geltung, vielmehr war jede Arbeitsleistung geradezu geboten. Der eigentliche rechte K'hilledoktor (Gemeindearzt) war indessen der rote Markuse, so benannt, um ihn von dem gleichnamigen aber schwarzhaarigen Kollegen zu unterscheiden. Unter einem K'hilledoktor versteht man jedoch nicht etwa einen von der Gemeinde angestellten Arzt für