Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 27 (1926)
- Article
- Berliner Erinnerungen
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 121 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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121 Kräften den Wissensdurst der Fragenden oder auch nur ihre bloße Neugierde zu befriedigen. In der Beantwortung solcher Fragen entwickelte er geradezu eine Meisterschaft, wie sie bei uns nur äußerst selten anzutreffen ist. Er gab nämlich niemals eine bloße, trockene Antwort, er kleidete sie vielmehr stets in die Form einer belehrenden oder einer erheiternden Geschichte ein. Wenn er dann zuletzt seine Nutzanwendung zog, so durchdrang zuweilen den weiten Raum ein schallendes Gelächter. Man mußte dabei unwillkürlich an manche Anekdote aus dem Leben Sokrates denken. In unbeachteter, selbstloser, aufopfernder Berufsarbeit vergingen ihm die Jahrzehnte seines Lebens, aber auch er sollte seinen großen Tag erleben. Sein fünfzigjähriges Doktorjubiläum hatte sich erfüllt. Die bescheidene Wohnung vermochte die Zahl der Glückwünschenden nicht zu fassen. Dankbare Patienten, Abordnungen der Kollegen, der benachbarten Vereine waren erschienen, und der kindlich gesinnte Alte schwamm förmlich in Glückseligkeit. Da plötzlich öffnet sich die Tür, und herein tritt in voller, großer Galauniform ein hoher preußischer Offizier. Der Jubilar geht, so schnell er vermag, auf ihn zu und will ihn mit dem Wort Exzellenz anreden. Dieser fällt ihm ins Wort und sagt: „Alter Freund und Studiengenosse, ich bin für Dich Lauer, wie Du für mich Friedberg." Der Eingetretene war nämlich kein anderer als der Generalarzt der preußischen Armee, der Leibarzt Kaiser Wilhelms des Ersten, von Lauer, Exzellenz. Er überbrachte dem überglücklichen, bescheidenen jüdischen Doktor im allerhöchsten Aufträge, wie er ausdrücklich hervorhob, die Insignien des Roten Adlerordens mit der Jubiläumszahl fünfzig. Nach Beendigung dieser feierlichen Handlung sagte Lauer zu seinem Jugendfreunde: „Nun wollen wir einmal auch, wie in unseren Studentenjahren, eine Partie Klabrias spielen." Alles Widerstreben von Seiten Friedbergs war vergeblich, er mußte ein ziemlich abgebrauchtes Kartenspiel herbeiholen, und nun flogen die bei diesem Spiele üblichen Redensarten und Kartenbezeichnungen, „Malke" (Königin), „Melech" (König), „Taus" (Daus), so geläufig und unbefangen aus dem Munde der mit hohen Orden geschmückten preußischen Exzellenz, daß