Mannheim
Compact Memory

Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1926-01-01 · 27 (1926) · p. Seite 120

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
27 (1926)
Article
Berliner Erinnerungen
Date
1926-01-01
Page
Seite 120 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3111067-3111120-3118244--6912-3118400
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

- 120 Universität hatte er sich, etwa um die Mitte der dreißiger Jahre, nach Paris Legeben, um in den chirurgischen Kliniken gewisse Methoden der bedeutenden Meister genauer zu studieren und sich die Handhabung der erforderlichen Instrumente völlig zu eigen zu machen. So ausgerüstet, führte er als einer der ersten eine gewisse operative Technik in Berlin ein. Eine glückliche Kur, die er an einem Mitgliede des fürstlich Radziwillschen Hauses vollführte, brachte ihn sehr bald in die vornehmsten Berliner Gesellschaftskreise. Er hatte sich aber in Paris nicht blos in seinem Fache vervollkommnet, sondern auch in seinem ganzen Aeußeren die damals übliche Haltung der großen französischen Aerzte angenommen. Herzberg erschien bei allen seinen Krankenbesuchen stets in der ausgesuchtesten Gesellschaftstoilette und auch die Sprechstunden in seiner Wohnung in der Spandauer Straße hielt er nicht anders als in dieser Kleidung ab. An dieser Gewohnheit hat er bis an sein Lebensende, zu Anfang der siebziger Jahre, festgehalten. Ich habe ihn nur noch als einen gebrechlichen Greis kennen gelernt, da er nur noch sehr mühselig sich seiner Obliegenheiten als leitender Arzt am Jüdischen Krankenhause entledigen konnte. Den ausgesprochensten Gegensatz zu dem eben Genannten stellte vr. Friedberg dar, der in der Nähe des Hackeschen Marktes seinen ärztlichen Beruf ausübte. War jener in Lebensart, Haltung, Wort und Gebärde ganz Würde, ganz Aristokrat vom Scheitel bis zur Sohle, so zeigte dieser vielmehr das Aussehen eines Kleinhandwerkers. Herzberg ging in den Palästen aus und ein. Friedberg dagegen war in den Kellerwohnungen und in den obersten Stockwerken jenes dicht bevölkerten Stadtviertels allezeit zur Stelle, wenn man seines Rates bedurfte. Er war den Armen und den Vielgeplagten nicht nur der Arzt; er lebte mit ihnen, nahm Anteil an ihren Freuden und ihren Leiden. An den Vortragsabenden und geselligen Veranstaltungen im großen Saale des Berliner Handwerkervereins konnte man den guten, volkstümlichen Doktor in der ersten Bankreihe sitzen sehen, und wenn der Fragekasten ausgeschüttet wurde, da war der kenntnisreiche Mann stets bereit nach

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.