Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 27 (1926)
- Article
- Berliner Erinnerungen
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 117 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3111067-3111120-3118244--6909-3118397- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
117 Gemeindeverwaltung durch den allzeit treuLewährten und ungewöhnlich klugen Gemeinde-Sekretär Philipp Wertheim. Sie verstanden einander, so zu sagen, auf das halbe Wort. Magnus und Wertheim standen gar bald zu einander nicht mehr im Verhältnis von Vorgesetzten zu Untergebenen, sondern wie zwei gleichgestellte Beratende innerhalb einer Körperschaft. Meyer Magnus wußte nur zu gut, welch einen zuverlässigen Mithelfer er an seinem Sekretär hatte, und niemals ist das jahrzehntelang zwischen beiden bestehende Verhältnis auch nur einen Augenblick getrübt worden. Mildherzig von Natur, kannte er indessen keinerlei Rücksicht, wenn es galt, einem unter der Maske eines Ehrenmannes verkappten Schädling das Handwerk zu legen. Eine, man möchte sagen, geschichts-notorische Bedeutung hat Meyer Magnus durch eine Begegnung mit dem Kronprinzen Friedrich Wilhelm („Unser Fritz") erlangt. Bei einem Hoffeste zog ihn der Kronprinz in eine längere Unterredung, in der er seinen und seiner Gemahlin Unwillen über das Treiben des Hofpredigers Stöcker seinen ungeschminkten Ausdruck mit den Worten verlieh: „Diese Hetze ist eine Schmach des Jahrhunderts." Es bedarf keines weiteren Wortes, um das ungeheure Aufsehen zu erklären, das diese Worte des damaligen Kronprinzen, man darf wohl sagen. Ln der ganzen zivilisierten Welt hervorgerufen haben. Mit der Pflichttreue eines altpreußischen Beamten entledigte sich Meyer Magnus der Obliegenheiten seiner Ehrenämter in Gemeinde und Stadt. Zu bestimmt festgesetzter Zeit verließ er jeden Vormittag seine bürgerlich behaglich aus gestattete Wohnung in der Bellevuestratze, um sich zunächst in die Gemeindestube und dann ins Rathaus zu begeben, und trat dann regelmäßig zwischen 2 und 3 Uhr seinen Rückweg an. Er pflegte zu sagen: „Ich muß jeden Tag mit meinen Arbeiten, so weit als irgend möglich, zu einem Abschluß kommen." Er legte diesen ziemlich weiten Weg meist M Fuß zurück; nur bei äußerst ungünstigem Wetter winkte er einen Droschkenkutscher zweiter Güte heran. Eigenes Fuhrwerk hat er nie gehalten, wie er denn überhaupt in seiner ganzen Lebensweise äußerst bescheiden war. Dagegen