Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 27 (1926)
- Article
- Berliner Erinnerungen
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 115 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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115 mit Unterstützung einer außerordentlich gescheiten Schottin, Miß Archer, das noch heute blühende Viktoria-Lyzeum für Frauen und Mädchen begründet. Bis in ihr höchstes Greisenalter hat ein gnädiges Geschick ihrem Lebenswege vorangeleuchtet, sie in geistiger Frische und einem unermüdlich regen Wohltätigkeitssinn erhalten. Diese beiden Familien Reichenheim — Liebermann verband eine wahrhaft ideale Freundschaft, der sie auch nach außenhin einen edlen Ausdruck zu verleihen wußten. Sie ließen nämlich auf dem Grundstück Unter den Linden 5-6 ein in einfach edler Formenschönheit ausgestaltetes gemeinsames Wohnhaus errichten, das lange Zeit eine Zierde der berühmten Berliner Prachtstraße bildete. Da sich dieses Wohnhaus in unmittelbarer Nähe der russischen Botschaft befand, wurde es sehr bald vom Berliner Volkswitz mit dem Namen „das jüdische Botschafts-Hotel" belegt. Die rapide Entwicklung Berlins zur Weltstadt hat leider diesen wie so manchen anderen Zeugen der Vergangenheit verschlungen und an dessen Stelle einen Neubau in jenem großprahlerischen Protzstil erstehen lassen, der während der Regierung Wilhelmsll., als desSchirmherrn undBeförderers des Ungeschmacks auf allen Gebieten der Kunst, nicht bloß Berlin, sondern das ganze Deutsche Reich für geraume Zeit verunstaltet hat. Unter den zu jener Zeit hochgeachteten und um die Entwicklung der Gemeindeverhältnisse sehr verdienten Familien ragt das außerordentlich zahlreiche Geschlecht von Jakob Abraham Meyer ganz besonders hervor. Der Genannte hatte sich überdies durch seine großartige Seidenkunstweberei einen Namen gemacht, der ihm einen Lauernden Platz in der Geschichte der Industrie Preußens sichern sollte. Wenn man zu jener Zeit scherzhaft in Berlin von der „Meyerei" sprach, so lag hierin nicht der mindeste häßliche oder gar verächtliche Beiklang. Und als der Intendant der Königlichen Theater, Botho von Hülsen, Lei Gelegenheit der ersten Aufführung der Meyerbeerschen Afrikanerin" eine ganze Parkett-Reihe im Opernhause durch 8*