Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 27 (1926)
- Article
- Berliner Erinnerungen
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 113 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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113 Diese Vorbemerkungen erschienen uns nicht überflüssig, weil aus ihnen deutlich hervorgeht, daß die damalige jüdische Gemeinde Berlins, sowohl der Zahl ihrer Mitglieder als auch der räumlichen Verteilung ihrer Wohnstätten nach, durchaus übersichtlich blieb. Der Kern der alten Gemeinde war noch so gut wie unversehrt erhalten. Die alten, vornehmen, durch Bildung, Wohlstand und bewährten Gemeinsinn hervorragenden Familien erfreuten sich der allgemeinen Achtung unter den Gemeindemitgliedern, ihr Wort und ihr Rat galten viel. Manche ihrer Namen wurden mit einer gewissen Scheu, ja mit Ehrfurcht genannt. Obenan in der Reihe dieser „Auserlesenen" stehen die Namen: Reichenheim und Liebermann. Die ersteren taten sich durch einen großherzigen Sinn für Wohltätigkeit hervor, sie haben durch milde Stiftungen mancher Art dafür gesorgt, daß ihrem Namen ein bleibendes Andenken in der Geschichte der jüdischen Gemeinde Berlins gesichert ist. Ganz besonders war Leonor Reichenheim, der Stifter des großen Handelshauses, ein Mann von bedeutsamer sozialer Wirksamkeit, weit über die Grenzen Berlins hinaus hoch geschätzt. Er gehörte zu den Mitbegründern der Fortschrittspartei, vertrat Berlin im Preußischen Landtage während der Konfliktszeit der sechziger Jahre; er war einer der ersten, der in ebenso ergreifenden wie sachkundigen Reden auf die Bedeutung der sozialen Frage für unser Staatsleben hinwies. Lange bevor von einer staatlichen sozialen Gesetzgebung die Rede war, hatte Leonor Reichenheim auf seinen ausgedehnten schlesischen Fabrikanlagen alle diejenigen Arbeiter-Wohlfahrtseinrichtungen aus eigenen Mitteln ins Leben gerufen, die später den hauptsächlichsten Ruhmestitel der deutschen Sozialgesetzgebung ausmachen sollten. Leonor Reichenheim war aber nicht bloß ein warmfühlender Mann, wo es galt, den sittlichen Pflichten gegenüber der Allgemeinheit gerecht zu werden; er hatte auch Herz und Verständnis für Kunst und Wissenschaft. Sein Haus wurde von Gelehrten und Künstlern gern ausgesucht; in den mit vornehmem Geschmack ausgestatteten Räumen sah man die erlesensten Erzeugnisse zeitgenössischer deutscher Malerei, und als er das berühmte Bild „Nach der Taufe" von Ludwig Knaus um den Preis 8