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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1926-01-01 · 27 (1926) · p. Seite 112

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
27 (1926)
Article
Berliner Erinnerungen
Date
1926-01-01
Page
Seite 112 (sequence 1)
Language
German
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Berliner Erinnerungen. (Aus der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts.) Von I. Kaftan. M.m die Mitte des vorigen Jahrhunderts wurden unter 6^oer Berliner Bevölkerung etwa 15000 Juden gezählt. Obgleich hier, in der preußischen Landeshauptstadt, von einem Ghetto keine Rede sein konnte, war die Hauptmasse der Berliner Judenschaft doch dermaßen auf gewisse Stadtgebiete beschränkt, daß man von Judenvierteln im engeren Sinne reden darf. Dies waren die Königstadt, das Straßengewirr um den Hackeschen Markt bis hin zum Oranienburger, Rosenthaler und Schönhauser Tor und die Gegend um den Alexanderplatz. Schon in der Friedrichstadt wohnten verhältnismäßig wenig Juden, da zu jener Zeit von einer geschäftlichen Entwicklung dieses Stadtteils noch kaum die Rede war. Vereinzelte Vorfühler hatten sich allerdings schon bis in die Oberwallstraße hin herangewagt. So hatte Louis Landsberger an der Ecke der Oberwall- und Jägerstraße das erste Herrenbekleidungsgeschäft errichtet. Es darf bei dieser Gelegenheit nicht unbemerkt bleiben, daß gerade dieses Haus zu den äußerst wenigen in ganz Berlin gehört, das sich in völlig unveränderter Gestalt fast dreiviertel Jahrhundert erhalten hat. Die Berliner nannten scherzhaft diese Ecke die gleichgültigste von Berlin, denn im Laden von Louis Landsberger sei alles Jacke wie Hose und unter ihm, bei Niquet, sei alles Wurst. In nächster Nähe hatte V. Manheimer und, von ihm nicht weit entfernt, am Hausvoigteiplatz, D. Levin einen bescheidenen Laden für Damenkleider aufgetan. Das waren die ersten Keimzellen, aus denen sich dann nach wenigen Jahrzehnten der riesige Organismus des Berliner Konfektionsgeschäfts entwickelt hat.

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