Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 27 (1926)
- Article
- Mark Antokolski
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 110 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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110 - auf Wunsch des Zaren Nikolaus, der der Familie ein sehr herzliches Beileidstelegramm gesandt hatte. In Wilna, in Kowno, auf allen größeren Stationen, die der Sarg mit den irdischen Resten des Künstlers berührte, ehrte man den großen Toten. Vor allem in Petersburg selbst, wo er im Leben nur Neid und Haß gefunden hatte. Nun, nach dem Tode, war er nicht mehr der Jude, plötzlich war er der „russische" Künstler, wie Bamberg er, Lasker nach ihrem Tode die „deutschen Patrioten", Fischhof der „österreichische Freiheitsheld" wurde. DieBeerdigung Antokolskis trug einen Charakter, der sie weit über ein Ereignis von augenblicklicher oder lokaler Bedeutung hinaushob, sie vielmehr zu einem für das geistige und kulturelle Leben Rußlands bedeutsamen Vorgang stempelte. Schon in der Frühe des Beerdigungstages versammelte sich am Warschauer Bahnhofe in Petersburg eine zahlreiche Menge, unter ihr Vertreter der Künstlerwelt und Abordnungen verschiedener Vereine Petersburgs wie aus der Provinz. Aus dem Eisenbahnwagen, der Antokolskis Leiche nach Petersburg gebracht hatte, wurde der Sarg von der akademischen Jugend gehoben. Die bedeutendsten Künstler Petersburgs, ferner Baron Horaz Günzburg und andere trugen ihn aus den Leichenwagen. Der Zug setzte sich nach der Synagoge in Bewegung. Dort hielt vor einem erlesenen Kreise von Trauergästen Rabbiner Dr. Drapkin eine kurze Rede, in der er darauf hinwies, daß der Verblichene nicht zu betrauern sei. Er sei unsterblich in seinen Werken, die ganze Kulturwelt sei Zeuge seiner Arbeit und seiner großen Erfolge. Der Trauerzug wandte sich von da nach dem Nikolajewski- Bahnhof, von wo der Sarg mittels Sonderzuges nach dem Friedhof überführt wurde. Am offenen Grabe sprachen der Vizepräsident der Akademie Graf Tolstoi, der erklärte, daß die russische Kunst erst seit Antokolski datiere, hierauf Stassof, dessen Rede sich die Dankbarkeit jedes Juden verdient hat. Der bekannte Rechtsanwalt Rosenberg verlieh seinen Gefühlen am Grabe des großen Sohnes seines Volkes begeisterten Ausdruck. Erst in später Stunde kehrten die Teilnehmer vom Friedhofe zurück.