Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 27 (1926)
- Article
- Mark Antokolski
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 107 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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107 Talentes und seiner Humanität, hätten sie ihn aus Finnland ausgewiesen. Ein Mensch, wie Graf Tolstoi, müßte Loch ein wenig klarer denken. Gibt es doch selbst einen Verein zum Schutz der Tiere." So schüttete Antokolski vor seinen christlichen Freunden sein wundes jüdisches Herz aus. Sein einziger Trost war ein Brief Maxim Gorkis (1889). „Wie", ruft daraufhin Antokolski aus, „in dieser Zeit ein Christ kein Antisemit?" Die späteren Ereignisse in dem Rußland der Revolution haben Antokolskis Diagnose der Judenkrawalle vollauf bestätigt. Daß Tolstoi sich später der Judenfrage angenommen hat, das zu erleben war ihm nicht mehr beschieden. Auch als Künstler hat er nie aufgehört, sich mit jüdischen Gegenständen zu befassen. In den achtziger Jahren plante er Werke wie Mose, Simson, Debora, Jeremia, einen ewigen Juden, einen Shylock. Noch 1902, kurz vor seinem Tode, ging er an eine neue Ausführung seiner Inquisition. Keinen dieser Pläne hat er vollendet. Sein Bedürfnis, im Geiste des Judentuines zu schaffen, befriedigte er, indem er wie erwähnt, einen Roman aus dem jüdischen Leben schrieb, dem er den Titel „Ben-Jehuda" gab. Diese literarische Betätigung ging Hand in Hand mit seiner Arbeit im Atelier. Er verwandte auf sie fast ebenso viel Mühe und Zeit, wie auf die Skulptur. Die Lösung der Judenfrage hat Antokolski als wichtigste Herzensangelegenheit ununterbrochen beschäftigt. Er sieht eine verhängnisvolle Wendung im Schicksal der Juden darin, daß sie sich fast ausschließlich der Wissenschaft und dem Handel widmen, obwohl er zugibt, daß die äußeren Lebensbedingungen dazu geführt haben. Er empfiehlt ganz entschieden die Beschäftigung mit dem Handwerk. „Aus zwölfjähriger Erfahrung," so schreibt er 1892, „kann ich positiv behaupten, daß die Juden durchaus befähigt sind, im Handwerke einen Ehrenplatz einzunehmen." Er sieht darin sogar einen wichtigen Beitrag zur Lösung der Judenftage, denn „erstens entstehen so Arbeiter, die überall notwendig sind, zweitens gibt das Handwerk die Möglichkeit, überall selbständig zu leben; es bilden gewissermaßen die fünf Finger die Summe des Wohlstandes des Arbeiters,