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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1926-01-01 · 27 (1926) · p. Seite 106

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
27 (1926)
Article
Mark Antokolski
Date
1926-01-01
Page
Seite 106 (sequence 16)
Language
German
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Blitzableiter vor dem Volksgewitter. Man hetzte, beschuldigte und verfolgte sie nur dann, wenn der Wohlstand im Volke gesunken war. Die Deutschen wurden stolz nach dem Siege über Frankreich. Die wirtschaftliche Lage gestaltete sich bald nach dem Kriege kritisch, das Volk wurde unzufrieden, das Parlament drohte in die Brüche zu gehen. Wer war daran schuld? Der Jude! Als ob er nicht ebenso schon vor dem Kriege in Deutschland gelebt hätte, ohne dem Lande zu schaden, in dem Deutschland, das damals die hohen Ideale der Liebe und der Wahrheit pflegte. Dort wo das Volk zuftieden ist, lebt der Jude in Frieden. So in Frankreich, so in Amerika. Aber der russische Jargon schilt die Juden Blutsauger, die jüdischen Schankwirte Wucherer. Aber wird denn, wo keine Juden sind, nicht getrunken? Nimmt man dort keine Zinsen? Warum gründet man nicht Hilssbanken für Kleinhändler? Die Juden sind Konkurrenten? Umso besser, dann wird alles billiger! Der Jude besticht Beamte? Wie darf der Staat bestechliche Beamte dulden? Hebt das Bildungsniveau, hebt den Ansiedlungsrayon für die Juden auf, verbessert die Gehälter der Beamten, und das Übel wird behoben sein. Wenn die Juden Fehler haben, warum erschließt man ihnen nicht die Möglichkeit, ihre Fähigkeit allseitig zu entwickeln? Dann werden die Fehler schwinden." Die Antwort Turgeniews, an dessen Idealismus und Vorurteilslosigkeit Antokolski sich wendet, war lahm und ausweichend. Es sei jetzt nicht die Zeit, öffentlich aufzutreten. Zehn Jahre später besuchte Antokolski zum erstenmal Leo Tolstoi. Es war die Zeit der Hochflut des Dreyfuß- Prozesses. Auf Antokolskis Frage an Tolstoi, ob er sich nicht für den Prozeß interessiere, antwortete Tolstoi ablehnend. Bald darauf schrieb derselbe Tolstoi einen Artikel für die Finnländer, die bekanntlich den Juden nicht über die Schwelle ließen. Das konnte Antokolski nicht mehr ruhig hinnehmen. Empört schreibt er darüber: „Ich bin kein Politiker, ich bin nie in Finnland gewesen. Vielleicht sind die Finnländer ein ideales Volk. Nur eines weiß ich: Wenn Graf Tolstoi ein Jude wäre, trotz seines großen

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