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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1926-01-01 · 27 (1926) · p. Seite 105

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
27 (1926)
Article
Mark Antokolski
Date
1926-01-01
Page
Seite 105 (sequence 15)
Language
German
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105 — Christen sind. Aber alle für einen beschuldigen, die eigene Schuld auf andere wälzen, das kränkt mich zehntausendmal mehr als eine persönliche Beleidigung." Als Antokolski 1881 von den russischen Judenkrawallen erfuhr, schrieb er an Stassos und Mamontoff: „Das Atmen fällt mir schwer, ich ersticke vor Aufregung. Ich leide für die Juden und schäme mich für die Russen. Woher der Haß? Seien Sie beruhigt, der Jude mag treiben, was er will, selbst Astronomie, Kunst und Wissenschaft. Überall, wo er als Konkurrent erscheint, wird man ihn nicht dulden, weil er überall seine Überlegenheit zeigen wird. Schon zur Zeit der Pharaonen sagte man ja: „Vielleicht werden sich die Juden vermehren, sie werden klüger sein als wir und werden herrschen." Darum fing die 400 jährige Knechtung an. Wir sehen, es ist eine alte Geschichte, doch bleibt sie ewig neu, ewig furchtbar und herzzerreißend." 1881 schreibt Antokolski an Turgeniew: „Unsere Lage ist so schrecklich, daß man statt des Herzens einen Stein in der Brust tragen müßte, um gleichgültig bleiben zu können. Schwer wird es mir ums Herz, wenn ich daran denke, daß dieselben Menschen, die sich erst unlängst für die Bulgaren gegen die Türken so ereiferten und großmütig für sie alle Opfer brachten, daß dieselben nun gleichgültig den Greueltaten zuschauen, die jetzt in Rußland gegen die Juden verübt werden. Muß Europa nicht den Russen vorwerfen, daß sie schlimmer als die Türken sind? Man sagt, das liege in den ökonomischen Verhältnissen. Der Judenhaß sei mit der Muttermilch eingesogen. Aber die Türken behaupteten ja dasselbe und Europa hat diese Rechtfertigung doch nicht anerkannt. Sagen Sie um Gotteswillen: Sind denn wirklich die ärmsten Juden, die man jetzt erschlägt, die Haupturheber allen Unglückes? Sind sie denn wirklich die Ausbeuter, als die man sie ausgibt? Ich denke, durch Ausbeutung wird man reicher, und sie werden ärmer. Also hat wieder der Arme gelitten, der der Hilfe ebenso bedarf, wie die hungernde Horde, die ihn überfallen hat. Die Wahrheit ist: Die Juden waren stets ein politisches Barometer und gleichzeitig ein provisorischer

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