Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 27 (1926)
- Article
- Mark Antokolski
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 103 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3111067-3111120-3118243--6894-3118383- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
103 Urteile und Zeugnisse über die Juden in Rußland aus der Feder russischer Behörden oder angesehener russischer Männer (auch von Geistlichen bis hinauf zum Metropoliten), nicht etwa eigens für das Buch abgegebene Urteile, sondern nach beglaubigten Urkunden zusammengestellt. Es sind Zeugnisse, wie sie für die russischen Juden im allgemeinen, insbesondereihreAnhänglichkeitanRußland,nichtgIänzender und dabei doch unparteiischer hätten ausfallen können. Das Buch war bereits zur Veröffentlichung vorbereitet, als es plötzlich verschwand. Nach fast zehn Jahren kam es zum Vorschein, es befindet sich im British Museum in London. Unter anderem wird darin die Heimatliebe der russischen Juden auf das glänzendste gewürdigt. Ganz besonders überwog diese Treue gegen die heimatliche Scholle alles in Antokolski, das stolze Goethesche: „Wenn ich dich liebe, was geht's dich an." Vielleicht erklärt sie sich auch daraus, daß Antokolski, der in der Fremde ausschließlich in russischen, und zwar in geistig hochstehenden Kreisen verkehrte und nur dort sich heimisch fühlte, sich nicht dessen bewußt wurde, daß diese geistige Elite nichts weniger als die Vertretung des offiziellen Rußlands darstellte. Der vorletzte König von Portugal pflegte zu sagen: „Es ist schön, König von Portugal zu sein — in Paris". Ebenso mochte mancher Untertan des Zaren sich als Russe sehr wohl fühlen und stolz aus sein Russentum sein, wenn zwischen ihm und den Tschinowniks eine Distanz von etlichen tausend Kilometern lag. Antokolski, der Romantiker mit der poetischen Sehnsucht im Herzen, hütet denn auch seine blaue Blume Rußland sorgsam vor der Berührung mit der rauhen russischen Wirklichkeit der sogenannten echten russischen Männer und Patrioten. „In der Fremde", so klagt er, „hält man mich für einen Russen. In Rußland steht man in mir den Juden, den Fremden. Mein Leben und Fühlen gehören Rußland. Ihm gab ich, was ich ihm verdanke: Aber eben deshalb will ich für Rußland leben und nicht durch Rußland unbesonnen sterben" (das heißt, als Jude bei irgend einem Progrom erschlagen werden). „Unter den Meinen mich fremd zu fühlen, vom eigenen Bruder