Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 27 (1926)
- Article
- Mark Antokolski
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 101 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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101 niemand und alles, was ich in meiner Seele erduldet habe, trug ich in mein Atelier". Von einem Einfluß der französischen Kunst auf sein Schaffen ist darum auch nichts zu spüren. Ganz in dem gleichen Geiste wie in Rußland undJtalien arbeitete er in Paris. Er schuf seinen „Spinoza". (1872) seinen „Mephistopheles", als Fortsetzung seines „Iwan" seinen,,Jermak"(ErobererSibiriens) und „Nestor" (derGeschichtsschreiber). AuchderMangel an Verständnis für das Grundwesen, den Kern seiner Werke war es, der ihn an den Franzosen verdroß, die ihr ganzes Augenmerk auf die Virtuosität richteten. „Die Franzosen", sagt Antokolski, „fragen stets, wie das Werk ist, nicht aber, was es ist. Gedankeninhalt und Behandlung des Themas stehen bei ihnen im Hintergrund". Vielleicht gerade im Gegensätze zu dem mehr aus das Formelle gerichteten Geschmack der Franzosen bildete sich in Antokolski immer tiefer ein Hang zur Mystik aus. Die ersten Zeiten des Christentums, das Mittelalter,derByzantinismus, entsprachen seinerdamaligen Stimmung. Er studierte diese Epochen und fing an, Altertümer zu sammeln mit einer Leidenschaft und einem Aufwand an Geld und Zeit, daß seine Freunde ihm darüber Vorhaltungen machten. Doch erwiderte er Mit dem Hinweis auf seine Sammlung, aus seine Lieblinge: „Aus ihnen schöpfe ich poetischen Geist, sie helfen mir bei meiner Arbeit". Seine Schöpfungen, seine „Christliche Märtyrerin", — diese sowie seine „Schlafende Schönheit" auf der Pariser Ausstellung 1900 — seine „Undine" und sein Werk „Auf dem Kreuzwege", sie alle atmen jene mystische Stimmung, die uns aus der Kunst des Mittelalters entgegenweht. Wenn wir seine höchstbedeutsamen Briefe aus jener Zeit lesen, erraten wir, was damals besonders an seinem Herzen nagte. Es war der Zwiespalt zwischen seiner schwärmerischen Liebe zu Rußland und der abweisenden Haltung dieses seines Vaterlandes, das ihn, den Juden, doch nicht als seinen Sohn anerkannte. Während er überall im Auslande die höchsten Ehren erntete, Mitglied des Pariser Instituts und der Berliner Akademie der Künste geworden war, ließ sich Rußland erst 1880 herbei, ihm den Titel eines Professors zu erteilen. Jin Gegensätze zu