Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 27 (1926)
- Article
- Mark Antokolski
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 98 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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98 Zaren Alexander II., den armen, kranken jüdischen Künstler aufzusuchen. Mit dem Erfolge, daß Antokolski auf Befehl des Kaisers zum Mitglied der Akademie ernannt und sein „Iwan", in Bronze ausgeführt, für das Museum des Winterpalais angekauft wurde. Das Kensington-Museum in London erwarb spater für seine Galerie berühmter Erzeugnisse der Plastik einen Gipsabguß des Werkes. Pauline Wengeroff schreibt hierüber in ihren „Memoiren einer Großmutter": „Ich hatte das große Glück, den jungen Meister kennen zu lernen, als er an seinem gewaltigen Werke Iwan Grosny (Iwan der Schreckliche) arbeitete. Wegen des Umfanges der Arbeit hatte sich Antokolski an den akademischen Rat um Gewährung eines größeren Ateliers gewandt. Aber ihm wurde eine Mansarde im dritten Stock angewiesen, die nur auf einer schmalen Hintertreppe zu erreichen war. Er mußte sich mit dem schlecht erhellten Raume bescheiden. Doch das Werk wuchs und wuchs. Und alle, die es werden sahen, wurden begeistert. Ich gedenke noch heute jener fast leidenschaftlichen Erregung, die mich beim Anblick dieses Werkes packte. Mein Schwager Sack, der mit Antokolski befreundet war. hatte mir den Zutritt zu seinem Atelier ermöglicht. Das Werk war noch im Tonmodell. Aber mir war, als stünde ich nicht vor einem toten Gebilde, sondern vor dem Leben. Hinter der harten Stirn sah man die großen Gedanken werden, die rücksichtslos auf ein Ziel hinsteuern. Beide Arme waren auf die Sessellehne gestützt, so daß man glaubte, daß Iwan jetzt aufspringen müßte; die Bibel, die auf seinen Knien lag, würde herabgleiten, und bald würde seine machtvolle Hand die Paliza, den adlergeschmückten Stab, erheben und seine Eisenspitze einem Aprichnik (Gardist) durch Stiefel und Fuß jagen. Es war jedenfalls das gewaltigste Werk, das die Bildhauerei in Rußland gezeitigt hatte. In allen Gesellschaften wurde davon gesprochen, bis schließlich das Gerücht von diesem Werke bis zum Kaiser Alexander II. kam. Auch er wollte es sehen. Da fuhr den professoralen Stümpern der Schrecken in die Knochen. Sie baten den jungen Künstler, das Modell in einen größeren Raum bringen