Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 27 (1926)
- Article
- Mark Antokolski
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 95 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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95 Beleuchtung verleihend, griff er zu einem Mittel, an das bisher kein Bildhauer gedacht, geschweige sich gewagt hatte. Nicht nur daß er dem Basrelief verschiedene Tiefen gab, er brachte sogar in der Wand eine Öffnung an, durch die das Licht seitlich aus die Szene fällt und sie ungleichmäßig ganz nach den Intentionen des Künstlers beleuchtet. Und nun erst der Inhalt dieses Meisterwerkes, „der Inquisition", von dem die Kritiker einmütig gestanden, daß es sie tief ergriffen habe! Die Szene stellt ein unterirdisches Kellergewölbe dar, in dem Marannen trotz der lauernden Häscher und Spione der Inquisition sich heimlich zur Feier des Sederabends versammelt haben. Die Wände des Gewölbes sind mit hebräischen Bibelsprüchen beschrieben. Die Gesellschaft sitzt um einen langen, festlich gedeckten Tisch. Plötzlich vernimmt man Lärm, von der Kellertreppe her erschallen Schritte. Sie sind verraten, alle Anwesenden dem Tode geweiht. Voller Entsetzen springen sie auf, in wirrem Durcheinander stürzen sie nach der anderen Tür. Das Tischtuch wird von der Tafel gerissen, Geschirr und Bücher fallen zur Erde, die Stühle werden umgeworfen. In einem Winkel drängen sich Männer, an der Wand lehnt eine Frau einen Säugling aus dem Arm. Man wagt nicht zu atmen. Nur ein Greis mit dem Kopf und Blick eines der alten Propheten — Antokolski hat auch seinem „Nathan der Weise" dieselben Züge gegeben —, nur er ist auf seinem Platz geblieben. In majestätischer Würde erwartet er seine Feinde. Und diese Feinde! — Voran schreitet behäbig ein feister Kardinal. Mit einem Haufen mit Schwertern und Hellebarden Bewaffneter ist er gekommen. Er braucht nicht zu eilen, sie sind ihm sicher, die er da abfängt. Ohne den Schritt zu beschleunigen, tritt er mit hämischem Blick, kalt und selbstzufrieden, in das Kellerdüster zur lustigen Hatz. „Diese Szene" sagt Stassoff, „liefert eine der grandiosesten Seiten der jüdischen Geschichte. Sie wird hier in vollkommenen Formen mittels der jüdischen Kunst wiedergegeben, die im Laufe der Jahrhunderte zurückgeblieben war, nun aber mit einemmal kühne neue Wege betritt."