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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1926-01-01 · 27 (1926) · p. Seite 94

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
27 (1926)
Article
Mark Antokolski
Date
1926-01-01
Page
Seite 94 (sequence 4)
Language
German
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94 mit Flügeln. Schwert und Hörnern dar, sondern als die Goethesche Spottgeburt aus Dreck und Feuer. Daneben meißelt er eine Figur von fast ätherischer Zartheit und rührender Keuschheit: eine christliche Märtyrerin, ein Mädchen aus einer Bank, Tauben zu ihren Füßen. Ein weltumspannendes Genie, in dem alle Kontraste Harmonie auslösen, „Schreitet er in dem Bretterhaus Den großen Kreis der Schöpfung aus Und wandelt mit bedächtiger Schnelle Vom Himmel, durch die Welt zur Hölle". Mit jenem Verfahren betritt Antokolski einen neuen Weg in der Bildhauerkunst, indem er ganze Szenen in den Räumen, in denen sie sich abspielen, mit großer Tiefendimension und Perspektive, mit Dielen und Wänden und Decken, darin die wirkenden Personen, darstellt. Von den „streitenden Talmudisten" sind zwar leider nur die Büsten ausgeführt. Zum Glück sahen aber Freunde Antokolskis die Skizze zu dem Werke. Sie zeigt uns die Streitenden an einem Tisch am Fenster über einen Talmudfolianten gebeugt. Mit verblüffender Wahrheitstreue sind die Einrichtung des Zimmers, die abgetragenen Kleider, das ganze Leben der Talmudjünger getroffen, dieser Armen, die all ihr Elend, alle ihre Sorgen um das tägliche Brot vergessen, wenn sie, in das Studium der heiligen Schriften vertieft, mit Feuereifer und Ungestüm ihre Thesen gegeneinander verfechten. Bei aller Komik liegt etwas tief Tragisches in der lebensvollen Szene. Stassofs, der bekann te russische Kritiker, später der treue Freund Antokolskis, der nur jene Leiden Büsten der Streitenden, nicht die Skizze kannte, schreibt, schon von diesen Fragmenten begeistert: „Eine solche seelische Erregtheit, solches Leben und solcher Enthusiasmus, solches Ungestüm, solch ein bis ins innerste Wesen vom Gegenstände des Streites Erfülltsein, wird wohl in unseren Museen, selbst in den berühmtesten Statuen, nicht vorher gefunden werden". Eine völlige Überraschung brachte der Kunstwelt Antokolskis nächstes Werk, „Die Inquisition". Die Grenzen der Skulptur erweiternd, ihr. Mannigfaltigkeit des Planes und zauberische

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