Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 27 (1926)
- Article
- Das Kulturproblem in der jüdischen Geschichte
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 88 (sequence 15)
- Language
- German
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88 der Juden vorbereiten. Ob und wie weit dieselbe ihren Brennpunkt in Zion haben wird, läßt sich heute nicht prophezeien. So viel aber läßt sich schon sagen, daß die erdrückende Mehrheit der Juden in der Diaspora bleiben und dort an den Kulturausgaben selbstätig Mitarbeiten muß. Der Löwenanteil an dieser Arbeit wird wohl Amerika zufallen, das die wesentlichen Elemente des West- und Osteuropäischen Judentums in sich vereint und so berufen erscheint, einen neuen höheren Typus jüdischer Kultur zu schaffen. Das amerikanische Judentum hat nicht nur durch seine Zahl und seine wirtschaftliche Bedeutung, sondern noch mehr durch seine innere Unabhängigkeit von den Traditionen und Vorurteilen der europäischen Länder den bestimmenden Einfluß aus das Schicksal der ganzen Judenheit, vor allem aber auf ihre kulturelle Entwickelung. Jede Stärkung, die die jüdische Kultur von dort aus erfährt, bedeutet aber zugleich auch eine Stärkung des Kulturgedankens überhaupt. Das Problem der Kultur ist heute in der ganzen Welt überaus ernst geworden. Nietzsche hat schon vor mehr als einem Menschenalter ausgesprochen: „Wir zeigen uns als einer Zeit angehörig, deren Kultur an den Mitteln der Kultur zugrunde geht". Wie würde er erst urteilen, wenn er unsere Zeit erlebt hätte! Man hat verschiedene Gründe für den Niedergang der Kultur in den letzten Jahrzehnten angeführt, so die Fortschritte des Verkehrs, die die Individualität der Völker und Menschen verwischen und das Persönliche immer mehr nivellieren, oder die Hast des modernen Leben, die keine innere Sammlung mehr aufkommen läßt, oder die damit im Zusammenhang stehende Tatsache, daß viele Menschen heute ihre geistige Nahrung ausschließlich aus den Zeitungen schöpfen. Gewiß sind auch solche Momente wirksam gewesen. Von ausschlaggebender Bedeutung war aber doch ein Moment, das vielleicht gerade, weil es so selbstverständlich ist, oft ganz übersehen wird. Es ist die Ausschließung der religiös-sittlichen Antriebe und Maßstäbe aus dem Leben und ihr Ersatz durch politische Gesichtspunkte. Was Politik zuwege bringt und welchen kulturellen Segen sie stiftet.