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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1926-01-01 · 27 (1926) · p. Seite 87

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
27 (1926)
Article
Das Kulturproblem in der jüdischen Geschichte
Date
1926-01-01
Page
Seite 87 (sequence 14)
Language
German
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87 Hemmungen die seelischen und geistigen Vorbedingungen für die Schaffung einer jüdischen Kultur vorliegen. Höchst beachtenswerte Ansätze einer solchen Kultur sind bereits vorhanden. Schon vor 100 Jahren bemerkte Heine mit treffsicherem Blick: „In der Abgeschlossenheit wurde der Charakter des polnischen Juden ein Ganzes". Die Stelle ist in Heine's Schrift über Polen enthalten, die auch sonst richtige Beobachtungen über die dortigen Juden enthält. So rühmt er ihnen dort auch nach, daß „der innere Mensch bei ihnen nicht verkümmerte". Dieses Urteil wird vielleicht manchen überraschen, der von ihnen nichts weiter weiß, als daß der äußere Mensch bei ihnen häufig verkümmert ist. Doch gerade diese Vernachlässigung des äußeren Menschen, die übrigens nur die natürliche Folge des auf ihnen lastenden furchtbaren Druckes darstellt, ist einer der Faktoren, der sie antrieb, sich desto ernster der Ausbildung ihres Innern hinzugeben. Die sogenannte Haskala d. h. Aufklärung führte dort nicht wie bei den Westjuden zu einer Verwischung ihrer Eigenart und zu einer Verfiachung ihres Innenlebens, sondern war bei ihnen nur eine notwendige Übergangsperiode zur jüdischen Renaissance. Der sie erfüllende Wille zum Judentum erhob das Hebräische von einer bloßen Gebets- und Literatursprache zu einer ausdrucksfähigen modernen Kultursprache, begeisterte ungezählte Dichter und Schriftsteller, Maler und Bildhauer zur künstlerischen Gestaltung des jüdischen Lebens und der jüdischen Gedankenwelt und gab der zuerst mehr einseitig politisch gerichteten Zionshoffnung einen ideellen Gehalt. Hier zeigte sich, in wie hohem Maße Ost- und Westjudentum aufeinander angewiesen sind, und was sie sich gegenseitig zu bieten haben. Hat das Westjudentum infolge seinerhöheren Allgemeinbildung dieWissenschastvomJudentum geschaffen und in ihr mit den Mitteln historisch-kritischer Forschung das Bild unserer Vergangenheit rekonstruiert, so hat das Ostjudentum dank seinem tieferen Gefühls- und Gemütsleben mehrWerte aufzuweisen, die aus der Gegenwart geschöpft sind und unmittelbar zur Gegenwart sprechen. Doch nur beide Gruppen zusammen können die Zukunftskultur

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