Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 27 (1926)
- Article
- Das Kulturproblem in der jüdischen Geschichte
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 89 (sequence 16)
- Language
- German
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89 haben wir in den letzten zwölf Jahren zur Genüge erfahren Wer sich darüber noch nicht klar geworden ist, welchen Mord an der Kultur die Politisierung der Völker bedeutet, der studiere bloß die jüdische Geschichte und wird dort finden, daß die hohe Kulturfähigkeit der Juden zum guten Teil darauf zurückgeht, daß es ihnen solange verwehrt war, Politik zu treiben, und sie sich darauf beschränken mußten, an den Werken des Friedens zu arbeiten. Wenn die nationalistisch und militaristisch gesinnten Kreise in fast allen Ländern übereinstimmend einen so wilden Judenhaß zur Schau tragen, so leitet sie vielleicht ein dunkles Gefühl, daß das Judentum durch seine bloße Existenz ein lebendiges Zeugnis gegen ihre Weltanschauung bildet.*) So ist das Judentum berufen, im Aufbau seiner eigenen Kultur zugleich den Wiederaufbau der zerstörten Weltkultur zu fördern und ein Element der Versöhnung in die zerrissene Menschheit zu tragen. Je mehr wir das was in uns und nur in uns lebt, pflegen und entwickeln, desto stärker wird die Intensität unserer Kultur und zugleich auch ihr Wert für die ganze Welt. Wenn schon für den Einzelnen die Ausbildung der eigenen Individualität die Grundlage der Kultur bildet, um wieviel mehr gilt das von einer großen geschichtlichen Gemeinschaft wie das Judentmn. Erst im Vereine mit der liebevollen und verständnisvollen Pflege der ererbten jüdischen Werte können wir die von allen Seiten einströmenden fremden Bildungselemente unsere Kultur organisch weiter entwickeln und höher führen. Kultur läßt sich nicht einfach entlehnen und übertragen wie die so oft mit ihr verwechselte Civilisation, sondern sie muß von innen heraus geschaffen *) Interessant ist in diesem Zusammenhang das nachstehende Urteil eines modernen Japaners (Kakuzo Okakura, Das Buch vom Tee, Jnselverlag Leipzig, S. ö.) über den Durchschnittseuropäer: „Er war daran gewöhnt, in Japan das Barbarenland zu sehn, als es siH in den sanften Künsten des Friedens übte. Er bezeichnet es als „civilisiert", seit es begann, auf den mandschurischen Schlachtfeldern Massenmord zu treiben. . . . Lieber wollen wir Barbaren bleiben, wennunser Anrecht auf die Civilisation sich auf den schauerlichen Ruhm des Krieges gründen muß. Lieber wollen wir dann die Zeit abwarten, da unserer Kunst und unseren Idealen endlich der schuldige Respekt gezollt wird.* i