Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 27 (1926)
- Article
- Das Kulturproblem in der jüdischen Geschichte
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 86 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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86 empfangen und wie viele sie selber geschaffen haben, ist in Wort und Schrift so oft behandelt worden wie kein anderes Thema der jüdischen Geschichte und braucht daher nicht noch einmal ausgesührt zu werden. Dagegen muff mit Nachdruck daran erinnert werden, was die Juden in dem gleichen Zeitraum verloren haben. Vielfach warfen sie leichtfertig hin, was sie in sich an Kultur besaßen, und tauschten dafür nicht etwa eine andere oder gar höhere Kultur ein, sondern hängten sich den Flitter der Civilisation um, wodurch sie oft eine komische und bemitleidenswürdige Figur wurden. Die Losung eines beträchtlichen Teils der westeuropäischen Juden lautete damals nicht, wie es der griechische Sänger so schön und kurz ausdrückt: „Werde, der du bist", d. h. suche das Beste, was in dir liegt, immer mehr herauszuarbeiten, sondern: Unterdrücke das, was du bist, und suche dir selber möglichst unähnlich zu werden! So trat mit Notwendigkeit eine geistige und seelische Entwurzelung ein, die bis heute verhängnisvoll nachwirkt. Die vor mehr als einem Jahrhundert von Zunz begründete Wissenschaft vom Judentum, die eine tiefere Selbsterkenntnis des Judentums anstrebte, hat leider im Leben wenig ausgerichtet und nur auf einen ganz beschränkten Kreis Einfluß geübt. Ein jüdisches Selbstbewußtsein ist nur möglich auf Grundlage eines gründlichen Wissens um das eigene Selbst. Um ein solches Wissen zu erwerben, dazu genügt nicht das gelegentliche Anhören eines Vortrags oder die flüchtige Lektüre eines Buches, sondern es bedarf dazu der ernsten und hingebenden Arbeit von Jahren. Die Gelegenheit dazu bietet sich seit einigen Jahren in Berlin. Wenn die hier bestehende Jüdische Volkshochschule, wie es den Anschein hat, dauernd weitere Kreise heranzieht und sesthält, um in ihnen das Wissen vom Judentum zu vertiefen, dann ist die Hoffnung vielleicht nicht unberechtigt, daß dieses Wissen mit der Zeit wiederum Gemeingut aller höher strebenden Juden wird und eine jüdische Kultur im edelsten Sinne wie einst im arabischen Spanien sich entfaltet. Ein viel günstigerer Boden dafür ist freilich das Judentum in Osteuropa, wo das Wiffen um alles Jüdische noch lebendig ist und wo auch sonst trotz der verschiedensten