Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 27 (1926)
- Article
- Das Kulturproblem in der jüdischen Geschichte
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 85 (sequence 12)
- Language
- German
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85 Vertreibung aus Spanien und Portugal in den Jahren 1492 bis 1497. Der Aufschwung ihres Geistes wurde dadurch auf Jahrhunderte gelahmt. Nicht nur, daß Philosophie, Wissenschaft und schöne Literatur keine Pflege mehr fanden, sondern selbst auf rein religiösen Gebiet machte sich ein Niedergang geltend, und an Stelle des Talmud, der in der Halacha den Geist schärfte und in der Haggada das Gemüt erhob, traten jetzt als höchste Instanz die starren Paragraphen des Schulchan Aruch, der den Glauben aufkommen ließ, als bestehe der Inhalt des Judentums nur in Vorschriften des Ritus und Kultus. Eine zweite Katastrophe, die Verfolgung der polnischen Juden durch Chmelnicki in den Jahren 1648 bis 1655, stürzte den größten Teil des jüdischen Volkes auch materiell in solches Elend, daß die kulturfeindlichen Tendenzen noch unendlich verstärkt wurden. So konnte im 18. Jahrhundert, im Zeitalter Voltaires, unter den osteuropäischen Juden eine Bewegung wie der Chassidismus aufkommen, der zwar eine Verinnerlichung der Religion erstrebte, aber dieses Ziel nur im Kampfe gegen alles kulturelle Leben durchsetzen zu können glaubte. Da trat ohne jede Vermittlung und Vorbereitung — ähnlich wie im Altertum der Hellenismus und im Mittelalter der Islam — die Kultur der Außenwelt wieder an die Juden heran. Sowohl von innen heraus durch Moses Mendelssohn und seine Schüler, als auch von außen her durch die ftanzösische Revolution und ihre Folgen wurden die Ghettomauern gesprengt, und das ganze westeuropäische Judentum mitten in die moderne Kultur hineingestellt. Dadurch, daß das osteuropäische Judentum zunächst an der kulturellen Bewegung keinen Anteil nahm, bildete sich jetzt der bis dahin ungekannte Gegensatz zwischen Westjudentum und Ostjudentum heraus, der für beide Gruppen weittragende Folgen haben sollte. Innerhalb des Westjudentums erhob sich damals ein Kampf um die Kultur, dessen Erschütterungen noch heute nachzittern. Die ganze Geschichte des letzten Jahrhunderts ist von diesem Kampfe erfüllt, und er ist noch nicht ausgekämpft. Wie viel Kulturwerte die Juden in diesem Zeitraum von außen