Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 27 (1926)
- Article
- Das Kulturproblem in der jüdischen Geschichte
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 84 (sequence 11)
- Language
- German
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84 — oder die enge Verwandtschaft der Sprache und Abstammung sein, Judentum und Islam fanden sich auf kulturellem Gebiete zusammen, befruchteten sich gegenseitig und haben in gemeinsamer Arbeit auf philosophischem, wissenschaftlichem und schöngeistigem Gebiet Kulturwerte geschaffen, wie sie bis zum 14. Jahrh. kein christliches Volk aufzuweisen hatte. Diese Kultur drang bald nicht nur zu den Juden christlicher Länder, sondern die christlichen Völker selbst konnten sich ihrem Einfluß nicht entziehen. So zeigt die Scholastik, die Religionsphilosophie der Kirche, in ihren Hauptvertretern Albertus Magnus und Thomas von Aquino eine starke Abhängigkeit von arabisch-jüdischen Denkern, speziell von dem großen Werke des Maimonides. Es verdient dies hier besondere Hervorhebung, da ja zur gleichen Zeit in merkwürdigem Selbstwiderspruch die Kirche dem Judentum jede Kultur absprach und andrerseits aus Angst vor seiner Kultur seine Schriften dem Scheiterhaufen übergab. Selbst in den Ländern wie Deutschland und Nordfrankreich. wohin die arabisch-jüdische Kultur nicht zu dringen vermochte, standen die Juden kulturell noch immer hoch über ihrer Umgebung. Ihre Sittenbücher zeigen uns einen Ernst des Pflichtgefühls und eine Reife der Lebensauffassung, die wohltuend abstechen von der Tändelei des Minnesängertums und der Roheit des Raubrittertums. Ihre freudige Bejahung des Lebens trotz des Druckes und der Verfolgung erhält erst ihre volle Bedeutung auf dem Hintergründe des christlichen Mönchideals, das mit Notwendigkeit kulturhemmend wirken mußte. Selbst die jüdische Mystik hat nicht in dem Maße wie im Katholizismus das geistige Leben ertötet und hat namentlich das Gebetsleben der Juden vor Erstarrung bewahrt. Das Ende des Mittelalters, das in Renaissance und Reformation für das christliche Europa die höchste Steigerung der Kultur herbeiführte, hat für das Judentum keine stchtbaren kulturellen Wirkungen gehabt. Diese auffallende Tatsache findet ihre natürliche Erklärung darindaß gerade zur gleichen Zeit die schwerste Katastrophe über die Juden hereinbrach, nämlich die vollständige