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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1926-01-01 · 27 (1926) · p. Seite 83

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
27 (1926)
Article
Das Kulturproblem in der jüdischen Geschichte
Date
1926-01-01
Page
Seite 83 (sequence 10)
Language
German
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IRI
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83 Lem die Juden die Rettung ihrer Kultur bezahlten. Der Lebensinhalt des Judentums wurde nunmehr Talmud Thora, das Studium der Gotteslehre im weitesten Sinne des Wortes. Die ein halbes Jahrtausend in Anspruch nehmende Sammlung, Aufzeichnung und Erklärung der gesamten jüdischen Tradition, die in der talmudischen Literatur niedergelegt ist, war schon an sich eine gewaltige kulturelle Leistung von Seiten der geistigen Führer. Doch sie wird noch bei weitem übertroffen durch die Leistung des Volkes, das seitdem den höheren Zweck seines Daseins im hingebenden Studium dieser Tradition erblickte. Die Geschichte kennt sonst kein Beispiel eines ganzen Volkes das im Lernen und Lehren aufging, das die allgemeine Schulpflicht zuerst in der Welt und ohne staatlichen Zwang Lurchführte, dessen höchste Institution das Bet Hammidrasch d. h. die Volkshochschule war und dessen höchster Stand der Lehrstand war, nicht wie anderwärts der Nährstand oder gar der Wehrstand, und dessen Lehrstand, was besondere Hervorhebung verdient, bis zum Ende des Mittelalters keine Entlohnung für seine Tätigkeit annahm. Als Zeugnisse dieser Kultur und ihrer tiefen Einwirkung auf das Leben können wir zwar keine äußerlich glänzenden Großtaten anführen, dafür aber auf etwas Hinweisen, was für alle Zeiten die edelste Blüte des Judentums geblieben ist, auf die erst in jenem Zeitraum zur vollen Entfaltung gelangten Familientugenden, auf den regen sozialen Sinn, auf den Abscheu vor jeder Rohheit gegen Mensch und Tier. Durch die andauernde Beschäftigung mit dem überlieferten Schrifttum wahrten sich indessen die Juden nicht nur ihr Menschentum zu einer Zeit, wo die Außenwelt ihnen immer unmenschlicher entgegentrat, sondern sie wahrten sich auch die höchste Kraft des Geistes, die Kraft zu denken und zu forschen, und es sollte bald eine Zeit kommen, in welcher sie erstaunliche Proben dieser Kraft ablegten. Diese glänzendste Periode der jüdischen Kulturgeschichte knüpft sich an die Entstehung und Ausbreitung des Islam. Mochte es das Bewußtsein der weitgehenden Übereinstimmung in den religiösen Grundanschauungen 6*

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