Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 27 (1926)
- Article
- Das Kulturproblem in der jüdischen Geschichte
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 82 (sequence 9)
- Language
- German
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82 griechischen Geistes gearbeitet hatte, gingen restlos für das Judentum verloren und haben sich nur durch die Kirche erhalten. Noch weniger als mit der griechischen Kultur hat das Judentum mit der römischen Kultur zu einer dauernden Verständigung gelangen können. Ist uns doch auch nicht ein einziger Jude bekannt, der das Lateinische literarisch gehandhabt oder in dieser Sprache irgend etwas über das Judentum geschrieben hätte. Während es zwischen Judentum und Griechentum doch immer noch zahlreiche geistige Berührungspunkte gab, fehlte jede Verbindungslinie, die von der römischen Idee des Imperium d. h. des Weltreiches zu der jüdischen Idee desMalchutSchamajim d. h. des Gotlesreiches hätte führen können. Die Erkenntnis dieser Wesensverschiedenheit führte selbst bei geistig hochstehenden Juden zu einer geradezu leidenschaftlichen Ablehnung jeder Anerkennnng der römischen Kultur. Als einst ein jüdischer Gelehrter die zivilisatorischen Leistungen der Römer rühmte, die Märkte errichtet, Brücken geschlagen und Bäder gebaut hätten, entgegnete R. Schimeon ben Jochai: All das haben sie nur aus Nützlichkeitsgründen oder aus noch weniger idealen Motiven geschaffen: die Märkte, um mit ihnen Stätten der Unzucht zu verbinden, die Brücken, um Zoll zu erheben, die Bäder, um ihren eigenen Körper zu pstegen. Dieses schroffe und in seiner Verallgemeinerung sicher ungerechte Urteil trifft auf einen beträchtlichen Teil dessen, was man heute als Kultur preist, noch unverändert zu, und in der strikten Ablehnung einer solchen Kultur bewiesen die Juden einen nicht genug anzuerkennenden gesunden Instinkt. Nach dem Jahre 70 verstärkten sich die schon vorher wirksamen Tendenzen der Abschließung von allem nichtjüdischen Wesen. Die Zerstreuung der Juden über alle Länder des römischen Reiches, die zeitlich zusammenfiel mit der Ausbreitung des Christentums, verlangte einen engen inneren Zusammenschluß, um die jüdische Lehre und zugleich das jüdische Volk als Träger dieser Lehre zu erhalten. Um dieses Ziel zu erreichen, mußte man auf viele Güter der Civilisation verzichten. Es war der Preis, mit