Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 27 (1926)
- Article
- Das Kulturproblem in der jüdischen Geschichte
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 80 (sequence 7)
- Language
- German
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80 Babylonier nichts ähnliches gegenüberzustellen hatten. So wurden sie erst dort sich ihrer Eigenart bewußt, und die Erweiterung ihres Gesichtskreises beförderte daher nicht etwa die Auslösung, sondern die Erstarkung und Vertiefung des jüdischen Wesens. Als darum sie oder doch ein beträchtlicher Teil von ihnen nach zwei Menschenaltern in das Land der Väter zurückkehrten, hatte die Berührung mit der fremden Kultur ihr Judentum äußerlich zwar in manchen Punkten beeinflußt, aber innerlich unendlich gefestigt, und als dann durch andere Umstände das religiöse Leben der Juden im Heimatlande eine schwer Erschütterung erlitt, da waren es bezeichnender Weise zwei aus Babylonien kommende Männer, Ezra und Nehemia, die dem Judentum seine endgültige Konstitution gaben. Durch sie wurden die Grundlagen einer wirklichen jüdischen Kultur geschaffen. Ihren Brennpunkt hatte diese Kultur in dem rein geistigen Gottesdienst der Synagoge, der nicht nur dem Gebet, sondern fast noch mehr der Belehrung und Erziehung des Volkes diente. Wohl war diese Kultur einseitig auf das religiöse Gebiet beschränkt, doch desto stärker war ihre Intensität, indem sie nicht das Privilegium einer dünnen Oberschicht war. sondern das ganze Volk erfaßte, und nicht nur an der Oberfläche haften blieb, sondern jeden einzelnen mächtig durchdrang. So hatte das Judentum seine erste Kulturprobe erfolgreich bestanden, und obgleich seiner Kultur infolge der Abschließung nach außen wesentliche Elemente fehlten, hatte es doch seinen wertvollsten Kulturbesttz für alle Zeiten gerettet. Die Kulturfähigkeit eines Volkes zeigt sich oft am stärksten darin, daß es bereit ist, auf wichtige Kulturgüter zu verzichten, um nicht noch wichtigere zu verlieren. Proben einer solchen Kultursähigkeit hat das Judentum noch öfter gegeben, am glänzendsten aber in seiner Auseinandersetzung mit dem Griechentum. Als Alexander der Große 332 die Juden gleich allen Völkern des Orients aus ihrer kulturellen Abgeschlossenheit herausriß, wieder- „ holte sich — nur in unendlich verstärktem Maßstabe —, das Schauspiel, das uns im babylonischen Exil entgegen getreten war. Ein Teil der Juden erlag den Reizen der