Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 27 (1926)
- Article
- Das Kulturproblem in der jüdischen Geschichte
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 79 (sequence 6)
- Language
- German
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79 nicht nur zeitlich durch drei Jahrtausende ununterbrochen erstreckt, sondern auch inhaltlich eine geradezu erdrückende Fülle kulturgeschichtlichen Beobachtungsstoffes bietet. Sah sich doch das Judentum im Laufe seiner Geschichte allen Weltkulturen gegenübergestellt und unternahm es auch, sich mit jeder derselben auseinanderzusetzen. Angesichts dieser Tatsache dürfen wir ohne Übertreibung sagen: Das Problem der Kultur ist nicht nur ein Problem, sondern geradezu das Problem der jüdischen Geschichte, und die tieferen Einschnitte in dieser Geschichte fallen zusammen mit den verschiedenen Versuchen, zu diesem Problem Stellung zu nehmen. Schon in den Anfängen des ersten Staatswesens spielte die Frage der Kultur bei unsern Vätern keine geringe Rolle. Die Berührung mit der alteingesessenen Bevölkerung Kanaans, die im Vergleich zu den israelitischen Eroberern schon aus einer höheren Stufe der Civilisation stand, und dann die dauernden regen Beziehungen zu den mächtigen Nachbarstaaten Ägypten, Assyrien, und zuletzt Babylonien, die miteinander wetteiferten, sich Vorderasien auch in geistiger Beziehung tributpflichtig zu machen, ließen naturgemäß ihre dauernden Spuren in der jüdischen Kultur zurück. Doch zum zentralen Problem wurde die Kultur für die Juden erst in dem Augenblicke, als ihr erstes Staatswesen unterging. Es war dies im Jahre 586 v. Ehr., als der größte Teil des jüdischen Volkes ins babylonische Exil wandern und sich dort unter einem Volke fremder Sprache, fremder Religion und fremder Sitte sein Leben neu einrichten mußte. Das arme jüdische Bauernvolk sah sich da mit einem Male den Verlockungen der Weltstadt Babylon ausgesetzt, und was war natürlicher, als daß viele durch den verführerischen Glanz der ungekannten Civilisation sich blenden ließen und keinen sehnlicheren Wunsch hatten, als möglichst schnell alles Jüdische abzustreifen und in jeder Beziehung Babylonier zu werden! Doch die tiefer blickenden Juden bewahrten sich ihr gesundes Urteil. Sie sahen ein, daß sie zwar viel von den Babyloniern lernen konnten, zugleich aber erkannten sie den Wert ihrer eigenen religiös-sittlichen Kulturgüter, denen die