Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 27 (1926)
- Article
- Das Kulturproblem in der jüdischen Geschichte
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 78 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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78 mitarbeitet, kann es nicht als alleiniger Schöpfer und Träger der Kultur gelten. Denn das Christentum ist eine Religion, und als solche kann es, sowenig wie das Judentum oder der Islam, das ganze Gebiet der Kultur für sich ausschließlich in Anspruch nehmen. So gewaltig nämlich der kulturelle Einfluß der Religion auf die Menschheit ist, ergreift sie doch ihrer ganzen Natur nach nur bestimmte Seiten der Menschen, während sie andere ganz unberührt läßt, und wenn es neben ihr nicht alle Zeit noch andere kulturspendende Mächte gegeben hätte, so hätten große Kräfte und Anlagen der Menschheit dauernd brach gelegen, wäre die Kultur einseitig geworden und verkümmert und wichtige Seiten menschlicher Erkenntnis und Betätigung überhaupt nicht zur Entwickelung gelangt. Man frage sich z. B. nur, ob die Physik, die Chemie und die Technik ihre heute erreichte Höhe auch nur indirekt religiösen Anregungen zu verdanken haben. So wenig man aber auch die Religion als einzigen und ausschließlichen Kulturfaktor ansehen darf, so verhängnisvoll wäre es, ins andere Extrem zu verfallen und den Stimmen zu folgen, die den hohen Wert der Religion für die Kultur bestreiten, ja die Religion ganz allgemein als kulturhemmend hinstellen und darum häustg im Namen derKultur gegen die Religion direkt ankämpfen. Die Religion ist aber eine der gewaltigsten im Menschen ruhenden Kräfte und hat als solche geistige und sittliche Werte geschaffen, die den Menschen erst zum Menschen machen. Ihren unendlichen Segen für die Kultur verkennen zu wollen, wäre daher ein Zeichen von bedenklichem Mangel am Verständnis für das, was überhaupt Kultur heißt. Keine Philosophie. Poesie und Kunst können das ersetzen, was allein die Religion bieten und Hervorbringen kann. Eine Ausschaltung der Religion würde eine noch größere Verarmung unseres Kulturschatzes bedeuten, als ihre ausschließliche Herrschaft je bewirkt hat. Aus allem Gesagten erhellt, daß die Kultur ein gar verwickeltes Problem darstellt. An keinem Ausschnitt der Weltgeschichte kann aber dieses verwickelte Problem besser studiert werden, als an der jüdischen Geschichte, die sich