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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1926-01-01 · 27 (1926) · p. Seite 77

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
27 (1926)
Article
Das Kulturproblem in der jüdischen Geschichte
Date
1926-01-01
Page
Seite 77 (sequence 4)
Language
German
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77 besteht daher nicht in dem ohnehin vergeblichen Streben, geistige Inzucht zu treiben, sondern in der Fähigkeit, die von allen Seiten zuströmenden Kulturelemente mit selbstständigen Gedanken zu durchdringen und zu immer höheren Schöpfungen zu verarbeiten. Unbewußterfolgt ja fortwährend eine solche Berührung und Verschmelzung, aber wo sie mit Absicht und klarem Bewußtsein erfolgt, da steigert sich immer die Intensität der Kultur. Man denke nur an das Zeitalter der Renaissance, wo das erwachende nationale Selbstbewußtsein der europäischen Völker zusammentras mit einer Erweckung des Geistes der Antike. Die Schöpferkraft jener Epoche, die uns noch heute Staunen einflößt, erklärt sich nur aus der weisen Mischung so verschiedenartiger Elemente, aus der dann als herrlichste Frucht der Humanismus d. h. die Menschheitsbildung hervorging. Eine der wichtigsten Seiten des Problems bildet unzweifelhaft das Verhältnis von Religion und Kultur. Die katholische Kirche erhebt bekanntlich den Anspruch, nicht nur alle heute bestehende Kultur allein geschaffen zu haben, sondern behauptet auch, sie allein habe das Recht und die Fähigkeit, alle Kultur weiter zu spenden und zu beherrschen. Auch außerhalb der katholischen Kirche wird die heutige Kultur häufig kurz als christliche Kultur bezeichnet, und eine scheinbare Berechtigung liegt in der Tatsache, daß in Europa und Amerika die erdrückende Majorität der Bevölkerung sich zu einer christlichen Konfession bekennt und auch die Staaten selbst sich teilweise offiziell als christlich bezeichnen. Trotzdem ist die Anschauung von der christlichen Kultur geschichtlich nicht aufrecht zu erhalten, und es genügt zu ihrer Widerlegung der Hinweis darauf, daß gerade zur Zeit der höchsten Machtentfaltung des Christentums im Mittelalter die Kultur nirgends auf einer so hohen Stufe stand wie in einem nichtchristlichen Lande, nämlich im mohammedanischen Spanien. Dann aber ist auch ein großer Teil der heutigen Kultur direkt im Kampfe gegen das Christentum entstanden, und es steht in manchen Ländern noch heute im Kampfe gegen die Kultur. Aber auch dort, wo es am Aufbau der Kultur

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