Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 27 (1926)
- Article
- Das Kulturproblem in der jüdischen Geschichte
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 76 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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76 ist die harmonische Ausbildung aller im Menschen liegenden Anlagen und Fähigkeiten zu verstehen. Kultur ist also niemals ein fertiger Besitz, sondern eine ewige Aufgabe für den Einzelnen wie für jedes Volk und für die ganze Menschheit. In der Tatsache, daß die Kultur nicht eine gegebene Größe darstellt, sondern immer neu zu erzeugen ist, liegt also schon ausgesprochen, daß sie ein Problem bedeutet, an dessen Lösung alle Zeiten zu arbeiten haben. Die Kultur kann daher auch nicht etwa als die Summe dessen betrachtet werden, was die Menschheit zu einer bestimmten Zeit weiß und kann. Wenn wir alles zusammen nehmen, was Wissenschaft, Philosophie, Poesie, Kunst und Technik geleistet haben, so erfahren wir zwar die Höhe der Civilisation, wissen aber noch nichts über die eigentliche Kultur. Denn nicht der Umfang des Wissens und Könnens einer Zeit gibt den Maßstab für ihre Kultur ab, sondern es gilt sestzustellen, welche Wirkungen davon ausgehen in geistiger und sittlicher Beziehung, wie weite Kreise davon ergriffen und wie tief sie davon beeinflußt sind. Nicht weniger verfehlt wäre es aber, wollte man die Kultur als die Summe der Kräfte und Anlagen definieren, die in einem bestimmten Volke liegen. Diese Anschauung ist ja heute im Zeitalter des Nationalismus besonders beliebt, und je mehr die echte Kultur geschwunden ist, desto mehr berauscht man sich an dem Schlagwort von der „nationalen Kultur". Sicher entspringt ein Teil jeder Kultur den besonderen Fähigkeiten eines bestimmten Volkes, und sicher soll jedes Volk alle in ihm schlummernden Möglichkeiten entwickeln und in den Dienst der Kultur stellen, aber ebenso sicher ist es andrerseits, daß eine national abgeschlossene Kultur dem Kulturideal widerspricht. Denn wenn es Aufgabe der Kultur ist, alles rein Menschliche zur Entfaltung zu bringen, so liegt schon in der bloßen Tatsache der Abschließung ein kulturhemmender Faktor. Die wirkliche Kultur ist nämlich international, indem sie das Beste aus dem eigenen geistigen Schatze fruchtbar macht und zugleich alles gute Fremde annimmt und so aus einer Synthese des Eigenen und Fremden fortwährend etwas Neues schafft. Die Originalität einer Kultur