Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 27 (1926)
- Article
- Das Kulturproblem in der jüdischen Geschichte
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 75 (sequence 2)
- Language
- German
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75 und keine geistige Bewegung zu erkennen ist, die Gegenstand der Geschichtsschreibung werden könnte. Doch auch in ihrer Vereinigung sind beide Auffassungen noch der Ergänzung bedürftig. Denn die eine beschäftigt sich im wesentlichen nur mit den Schicksalen der Juden, schildert also nur, was mit ihnen geschah, während die anderen ihr Hauptaugenmerk nur aus die Religion richtet, also nur auf eine bestimmt abgegrenzte Sphäre des ganzen Lebensund nochdazu auf eine solche, die mehr innerlich sich auswirkt, aber äußerlich sichtbar und greifbar weniger in die Erscheinung tritt. Die Vertreter beider Auffassungen fühlten daher natürlich selbst heraus, daß hier eine Lücke klaffe, daß man auch und vor allem darstellen müsse, was die Juden selbsttätig geschaffen und geleistet haben. Da aber, wie schon erwähnt, die Juden seit 1800 Jahren nicht mehr aktiv in die Geschichte eingriffen, meinte man den Rahmen dadurch ausfüllen zu können, daß man gewissenhaft alle Bücher registrierte, die sie in dieser langen Zeit schrieben, oder deutlicher gesprochen, daß man an Stelle der Geschichte blotzLiteraturgeschichte bot. Die Literaturgeschichte erschöpft nun allerdings nicht entfernt den Inhalt dessen, was die Juden im Laufe ihrer Geschichte schöpferisch hervorgebracht haben, aber jedenfalls zeigt sich in dieser Vorzugsstellung der Literaturgeschichte die richtige Erkenntnis, daß die jüdische Geschichte zum guten Teile als Kulturgeschichte zu werten ist. Wir dürfen aber noch weiter gehen, indem wir erklären, daß die ganze Konstruktion der jüdischen Geschichte unter dem kulturgeschichtlichen Gesichtswinkel vorzunehmen sei, daß eine übersichtliche Gliederung und plastische Darstellung des gewaltigen Stoffes nicht oder doch nicht in erster Linie nach Perioden der äußeren Geschichte oder der Religionsgeschichte erfolgen dürfe, sondern daß den Hauptmaßstab für den Aufbau des Ganzen die Stellungnahme zum Problem der Kultur bilden müsse. Uber den Begriff der Kultur sind heute so verschiedene und vielfach einander widersprechende Meinungen verbreitet, daß es nicht überstüssig erscheint, zunächst zu definieren, was überhaupt das Wort Kultur bedeutet. Unter Kultur