Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 27 (1926)
- Article
- Der Sohar
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 69 (sequence 36)
- Language
- German
- Belongs to
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69 müssen, und daß es Seelen und Geister gibt, die hüllenlos umherirren und verurteilt sind, unstet und ruhelos in dieser Welt zu treiben, ohne jemals in die Halle des Königs eingelassen zu werden. Die Menschen wissen nicht, daß es Seelen gibt, die wie Steine aus einer Schleuderpfanne (I. Sam. 25, 29) hin- und hergeschleudert werden?*) Nur durch Selbsthingabe an Gott, durch Gottesdienst und gute Werke, durch den Wandel in Gottes Wegen kann der Mensch seine Seele heiligen und sie zur Wiedervereinigung mit ihrem göttlicken Urquell befähigen. Gott dienen heißt, sich, wie geschrieben steht, mit ganzem Herzen, ganzer Seele und ganzem Vermögen Gott weiben — „die Hauptsache jedoch ist das Herz". Unsere Weisen lehren, die Nominalform „lewawecba" (dein Herz) mit verdoppeltem Schlußkonsonanten deute auf zwei Herzen hin, nämlich auf den guten und den bösen Trieb. Der gute Trieb wird „gutes Herz", der Löse Trieb „böses Herz" genannt. Die Thora ermahnt uns nun, Gott auch mit dem bösen Triebe zu dienen. Wir müssen das Böse in Gutes verwandeln, müssen alles, was der Schöpfer ins Dasein gerufen hat, für Gottes Zwecke dienstbar machen. Auch das scheinbar Böse ist ja Gottes Werk, und in Wahrheit gibt es nichts schlechthin Böses in Gottes Welt. Gott hat das Böse erschaffen, um den Menschen daran zu erproben, und es ist Aufgabe des Menschen, aus Böse Gut zu machen. Das Ding ist mit einem Könige zu vergleichen, der feinen einzigen Sohn prüfen wollte, ob er alle seine Befehle getreulich befolgen würde. Er ermahnte seinen Sohn, sich von sittenlosen Weibern fernzuhalten. Hierauf ließ er eine Dirne rufen und trug ihr auf, seinen Sohn zur Sünde zu verleiten. Die Dirne ließ alle ihre Künste spielen, der Königssohn jedoch blieb standhaft und wies die Buhlerin ab. Da berief der König hocherfreut seinen Sohn zu sich und war auch der Buhlerin erkenntlich, denn an ihr hatte sich der kindliche Ge- ««) ibid. II, 99.