Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 27 (1926)
- Article
- Der Sohar
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 44 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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44 Kannst du also der Vorstellung Raum geben, daß Gott für die Niederschrift in seiner Thora nichts Höheres und Heiligeres fand als die ganz einfachen Aussprüche Esaus, Hagars, Labans, Bileams und seiner Eselin, Balaks und Simris und alle die übrigen scheinbar unbedeutenden Erzählungen, die Gott in die Thora ausgenommen hat? Die Wahrheit ist vielmehr, daß die „Thora Gottes vollkommen" ist, ein jedes ihrer Worte ist gleich heilig und göttlichen Ursprungs. Darum sind alle die eitlen Gespräche und profan scheinenden Begebenheiten nicht in der Bedeutung aufzufassen, die ihrem bloßen Wortlaut entspricht. Wahrlich, sie enthalten köstliche Mysterien und tief verborgene Weisheitslehren"?°) Wie gesagt, sieht der Sohar in allen irdischen Dingen lediglich Manifestationen des Geistigen und Göttlichen- Für ihn gibt es nichts Profanes in dieser Welt. „Kein Ort im Weltall ist ohne Gott." Dieser große Gedanke der Einheit und Ausschließlichkeit Gottes erlangte durch den Sohar allgemeine Geltung im jüdischen Volke. Allerdings gab es im Judentum lange vor dem Auftauchen des Sohar eine religionsphilosophische Literatur, die bestrebt war, den Gedanken der reinen Eotteseinheit im Volke zu verbreiten. Man braucht nur auf die Schriften des Gaon Saadja, Salomo ibn Gabirols, Bachja ibn Pakudas und besonders auf Maimonides' „Führer der Unschlüssigen" hinzuweisen. Samuel David Luzzatto spricht sich dahin aus, daß der wahre Sinn der Lehre von der reinen Eotteseinheit (Zichud Hafchem) dem jüdischen Volke erst durch Maimonides klar zum Bewußtsein gebracht worden sei. Allein, mag diese Anschauung auch in gewissem Sinne zutreffen, so darf doch nicht übersehen werden, daß die Wirkung der philosophischen jüdischen Literatur und ihrer begrifflichen Abstraktion sich nur auf die eng begrenzte Schicht der wissenschaftlich Gebildeten, auf eine Gruppe von „Intellektuellen" erstreckte, während die großen Volksmassen mit Einschluß der weiten Kreise, die ausschließlich das Tal- 2S) Sohar III, 149 und 152.