Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 27 (1926)
- Article
- Rückblick auf das Jahr 5686
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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3 Inzwischen ist die Fühlungnahme zwischen den Gemeindeverbänden der einzelnen Länder soweit gediehen, daß demnächst auch mit der Gründung eines Reichsverbandes der deutschen Juden gerechnet werden kann. Heber die hauptsächlichsten Punkte der Verfassung ist eine Einigkeit erzielt, und es steht zu erwarten, daß die Vereinbarungen der Vertreterversammlungen die Zustimmung der hinter ihnen stehenden Organisationen finden werden. Die Notwendigkeit eines Reichsverbandes springt in die Augen, wenn man die Fülle von Aufgaben in Betracht zieht, die über die Kompetenz der Einzelstaaten hinausreicht. Dazu gehören in erster Reihe kulturelle Aufgaben, wie z. B. die gegenwärtig überall in der Umbildung begriffene Lehrerausbildung. Äeberdies erfordert die sehr beklagenswerte Verschlechterung in der Rechtslage der Juden das Eingreifen einer starken, aktionsfähigen Gesamtorganisation. Es mag vielleicht soweit sein, daß völkische Führer den Erabesgesang ihrer Parteien anftimmen — darüber aber darf sich niemand einer Täuschung hingeben, daß der völkische Wahn und vor allem die Theorie von der Minderwertigkeit und Verworfenheit der jüdischen Rasse die Gemüter tief vergiftet und in den politisch und wirtschaftlich maßgebenden Kreisen Deutschlands eine über alles Erwarten starke Wirkung hervorgerufen hat. Es ist für jeden, der sehen kann, klar, daß der Fall Lessing nicht diese Formen angenommen hätte, wenn der Angegriffene nicht Jude gewesen wäre. Es ist mehr als bezeichnend, wenn das Verhalten des Magdeburger Untersuchungsrichters gegenüber dem grundlos verdächtigten Rudolf Haas einem Berliner Juristen von sehr gemäßigten Anschauungen Anlaß zu dem Notschrei gibt, „daß Richter und Gerichte in überaus zahlreichen Fällen gegenüber jüdischen Parteien, Zeugen und Angeklagten die nötige Unbefangenheit und Unparteilichkeit selbst beim besten Willen nicht mehr aufbringen können." Seit langem schon haben Juden in den freien Berufen sowie in den großen Organisationen von Handel und Industrie die allergrößten Schwierigkeiten, wenn sie sich um eine