Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 25 (1923-1924)
- Article
- Solidarität, Toleranz und Humanität
- Date
- 1923-01-01
- Page
- Seite 148 (sequence 16)
- Language
- German
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weithin leuchtenden Flammenzügen an. „Nein, sie wird kommen, sie wird gewiß kommen die Zeitder Vollendung, die Zeit eines neuen Evangeliums" (Lessing, Erziehung des Menschengeschlechts § 85, 86), So zum Verzagen düster und zum Verzweifeln peinigend einzelne Geschichtserfahrungen der jüngsten Zeiten uns auch anmuten mögen, die Hoffnung auf das dritte Reich, auf die sozialitäre und humanitäre Tendenz unsres Kultursystems darf man niemals preisgeben. Dieselbe soziale Vernunft, die uns vom Raubtier zum Haustier gezähmt und gebändigt hat, die den ehemaligen Kannibalen zum Kulturmenschen erzogen hat, wird auch am unterirdischen Werke sein, den kommenden Typus Mensch, den Sozialmenschen, vorzubereiten und allmählich heranzubilden. Die Natur hat uns zum Egoisten gestempelt, die Geschichte hat Uns zum berechneten Altruisten umgebildet, sofern sie uns deutlich genug vor Augen geführt hat, daß das wirtschaftliche Wohl und Wehe von der Konjunktur j des ganzen Weltmarktes abhängig ist. Der Getreideproduzent in Rumänien ist, ohne daß er es will und weiß, von Getreideproduzenten in Argentinien abhängig, weil die Preisbildung des Weltmarktes durch die Totalernte aller getreidebauenden und exportierenden Länder bedingt ist. Diese ökonomische Solidarität, die aus ihrem Schoße die Toleranz gebären wird, weil wir zur Einsicht veranlaßt, ja geradezu gedrängt werden, daß alle Menschen durch eine im Verborgenen wirksame Gattungssolidarität miteinander verbunden sind, ist indes nur die Vorstufe zu jenem „dritten Reich", zu jener vollendeten Solidarität, die uns die großen Dichter und Denker aller Zeiten und Völker offenbaren. Der Gott in der Geschichte, der große Wellenerzieher, bringt uns auf dem Umwege der ökonomischen Interessengemeinschaft durch Gewöhnung und Uebung allmählich die sozialen Gefühle bei, d.h.