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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1923-01-01 · 25 (1923-1924) · p. Seite 147

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
25 (1923-1924)
Article
Solidarität, Toleranz und Humanität
Date
1923-01-01
Page
Seite 147 (sequence 15)
Language
German
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angewiesen ist, kurz, das gesamte Kultursystem mit seinem wechselseitigen do, ut des erzieht uns allmählich zu jener bewußten Toleranz, die bei Tieren und Pflanzen in der Form der Symbiose, bei Atomen, Molekülen oder Energien als Aequivalenzformel schon punktiert angedeutet ist. Wie wir in unserm Chemismus und Mechanismus dem unwidersprechlichen Naturgesetz unterworfen sind, so in der unter allen gesitteten Nationen zutage tretenden Toleranzidee dem milderen und gelinderen historischen Rhythmus. Das Naturgesetz gilt notwendig und allgemein (absolut), der historische Rhythmus nur relativ. Was man fälschlich geschichtliches Gesetz nannte, ist mehr eine Neigung, Disposition, Willensrichtung (Conatus, impetus, endeavour, tendance) unsres gesamten Kultursystems. In den Naturgesetzen, in denen der strenge Ursachenbegriff herrscht, kennen wir keine Ausnahmen, in den geschichtlichen Tendenzen hingegen, wo die mildere Ursachenart von Zweck und Motiv waltet, da sind die Ausnahmen leider häufiger als die Regel. Der Gang der Natur ist geradlinig, der Gang der Geschichte verläuft im Zickzack oder richtiger (mit Leibnizens Wahlspruch: inclinata resurget) spiralförmig. In der Geschichte sind deshalb Stauungen und Rückfälle, atavistische Verirrungen und bestialische Verfehlungen, wie unsre Gegenwart zeigt, gar nicht selten. Jenes dritte Zeitalter der Vollendung des Menschengeschlechts aber, das uns die Sybillinen und Chiliasten künden, das unsre Dichter Lessing, Herder und Schiller uns verherrlichen, das unsre Philosophen Kant, Fichte. Comte und Spencer uns ankündigen , und das Ibsen, Tolstoi und Nietzsche uns weissagen: dieses dritte Reich bahnt sich erst allmählich an. Dieses „dritte Zeitalter" des alten Prophetentums und der eschatologischen Lehren über die Schicksale „am Ende der Tage" kündigt sich in tausend und abertausend soziologischen Zeichen in 147 10' S

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