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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1923-01-01 · 25 (1923-1924) · p. Seite 146

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
25 (1923-1924)
Article
Solidarität, Toleranz und Humanität
Date
1923-01-01
Page
Seite 146 (sequence 14)
Language
German
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uns ein „Einzelner", ein „Uebermensch", ein Homo sui generis sei. Durch jeden Blutstropfen des Menschen rinnt die Geschichte seiner Gattung, deren Funktionen er in seinem Zentralnervensystem als fertiges Erbe seiner Vorfahrenreihe schon vorfindet. Erst in der Gesellschaft und durch die Gesellschaft ist der Mensch zum Menschen geworden. Erst das gegenseitige Sichschonen und Respektieren, das wechselseitige Einfühlen in Freud und Leid in der Form von Mitleid und Mitfreude, das Zusammenwirken ganzer Gruppen zu gemeinsamem Zwecke hat das Menschengeschlecht züm Beherrscher der Planeten gemacht. Daß wir den Raubtierzustand des Kannibalismus überwunden und zur selbstbewußten Solidarität, zum Einstehen des einen für alle und aller für einen uns entwickelt haben, alles das verdanken wir unfern sozialen Gefühlen, die sich erst im gesellschaftlichen Zusammenleben und Zusammenwirken in uns entfaltet haben. Wahrhafte Toleranz ist also die Einsicht in das Räderwerk von Natur und Geschichte. Sie besteht in der von der Wissenschaft begründeten Ueberzeugung, daß „wir nur durch andre leben" (Comte). Wir Menschen sind Symbjonten und Commensalen, wir werden zusammengehalten durch die geheimnisvoll webenden, magisch wirkenden Fäden unsrer Gattungsinteressen, die uns, wieder mit Comte zu sprechen, „Hingebung der Starken für die Schwachen, Verehrung der Schwachen für die Starken als ehernes Gebot der Arterhaltung lehren". Der isoliert lebende Mensch Leharrt, wie das Tier, bei seinen Gewohnheiten und kennt keinen Fortschritt. Das gleiche gilt von isoliert lebenden Insulanern oder Bergvölkchen. Erst das Zusammenleben in der Gesellschaft, das gegenseitige Aufeinanderangewiesensein infolge der Arbeitsteilung in mehr als zehntausend Arbeitsarten gespaltene Berufe, wobei jeder in seinen differenzierten Bedürfnissen auf die Berufsarbeit andrer 146

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