Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 25 (1923-1924)
- Article
- Solidarität, Toleranz und Humanität
- Date
- 1923-01-01
- Page
- Seite 141 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3111067-3111116-3118053--6561-3118206- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
dieses v„anhaftende Interesse" über den Bereich des Biologischen hinweg bis ins Biochemische und Astrophysische zurückoerfolgt. Wir wollen hier das gemeinsame Interesse nur in seiner soziologischen Bedeutung erfassen und seinen Geltungsbereich von der Tierwelt hinauf bis in die höchsten Verästelungen sozialer Gliederungen unter Menschen verfolgen. Es wird sich uns alsdann ergeben, daß das „Wesen der Humanität" in dem soziologischen Grundgesetz des allgemeinen Interesses begründet ist. Alle sozialen Organisationen sind dadurch ausgezeichnet, daß deren einzelne Mitglieder bei aller räumlichen Getrenntheit durch die unsichtbaren Bande des Interesses an ihre Organisation geknüpft sind. Man denke. an die nationale Solidarität zwischen Mutterland und Kolonie, an die Zusammengehörigkeit der religiösen Gemeinschaften, der Sekten, der Ordensbrüder, der politischen Parteigenossen, der Zweckverbände zu ökonomischen, gemeinnützigen, wissenschaftlichen, künstlerischen oder auch nur sportlichen Interessen. Hier verliert das Wort Interesse seinen unangenehm metallischen Nebengeschmack. Bei religiöser, nationaler oder politischer Solidarität bringt der eine für den Tausende von Meilen entfernten Glaubens-, Gesinnungs- oder Parteigenossen Opfer an Gut und Leben, ohne das Individuum, dem diese Opfer gelten, auch nur zu kennen. Bei katastrophalen Ereignissen wurden in der ganzen zivilisierten Welt Hilfskomitees ohne Unterschied von Konfession und Nationalität errichtet. Man sammelte in der Vorkriegszeit bei Hungersnöten für Indier, für Buren, Armenier, Juden usw. Die Gemeinbürgschaft gilt hier einem abstrakten Prinzip (genannt Menschheit), dem die Individuen gemeinsam dienen, ohne voneinander persönliche Kunde zu haben. Auch diese Art von unpersönlicher Solidarität ist in der Tierwelt schon bis zu einem gewissen Grade 141 r