Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 25 (1923-1924)
- Article
- Solidarität, Toleranz und Humanität
- Date
- 1923-01-01
- Page
- Seite 140 (sequence 8)
- Language
- German
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Grade mit, wie dieser Weltkrieg mit empfindlicher Deutlichkeit gezeigt hat. Das Streben nach Gleichgewicht beherrscht eben alle Offenbarungsformen des Universums. Das buddhistische, von Schopenhauer wieder galvanisierte Tat twam asi (Das bist du) triumphiert auf der ganzen - Linie vor Natur und Geschichte. Toleranz ist also nichts andres als ein Spezialfall dieses Gleichgewichtsstrebens in der Natur — Toleranz ist das Streben nach sozialem Gleichgewicht. * 4 -i- Jeder Organismus ist durch wechselseitige Abhängigkeit der Teile untereinander und ihr zweckmäßiges Zusammenwirken zu einem Ganzen gekennzeichnet. Das gilt nicht bloß vom tierischen Organismus, wo Herz und Lunge, Leber und Niere, die durch ganze Systeme von Kanälen, von Arterien, Venen und Lymphgefäßen verbunden find, sondern auch von sozialen Organisationen, in denen die verknüpfenden Fäden nicht so sichtbar in die Erscheinung treten wie beim Gliederbau des tierischen Organismus. Schon bei der Symbiose ist zwar ein räumliches Zusammenleben vorhanden, aber die einzelnen Symbionten find durch keine sichtbaren Bande miteinander verbunden. Wirt und Gast werden nur durch das gemeinsame Interesse der Lebensfürsorge zusammengehalten, können sich aber jeden Augenblick trennen, ohne den ganzen Organismus in seinem Bestände zu gefährden. Bei sozialen Organisationen vollends kann das räumliche Zusammenleben, wie es bei der Symbiose uns entgegentritt, ganz aussetzen, aber trotz der örtlichen Trennung kann ein unsichtbarer Zusammenhang weiter bestehen. Der unsichtbar zusammenhaltende Faden heißt alsdann gemeinsames Interesse. Auf dieses gemeinsame Interesse hat der österreichische Soziologe Gustav Natzenhofer ein soziologisches System gepflanzt, das 140