Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 25 (1923-1924)
- Article
- Solidarität, Toleranz und Humanität
- Date
- 1923-01-01
- Page
- Seite 139 (sequence 7)
- Language
- German
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Regulierung seines Gleichgewichts sind untrennbare Merkmale alles Lebens. Jeder Organismus ist, nach Ostwald, nur ein Komplex von Energien und hat die Fähigkeit, sich selbst zu erhalten, sein Gleichgewicht zu regulieren, sich selbst zu gestalten in Wachstum und Fortpflanzung und endlich sich selbst zu empfinden. Mit dem Organismus, der sich ständig seiner Umgebung anpaßt, treten wir in jenes Reich der Zwecke ein, das mit Protoplasmaklümpchen einsetzt und seine unübersehbare Wirksamkeit bis zu den höchsten Offenbarungsformen des geschichtlichen Lebens entfaltet. Der Mechanismus der Natur macht der Teleologie aller biologischen Funktionen Platz. Im Organismus dienen die Teile oder Glieder derartig dem Ganzen, daß alle Glieder solidarisch Zusammenwirken. Unterdrückt man bei Säugetieren die Tätigkeit der Lungen, so wird damit das Herz zum Stillstand gebracht. Versagt der Magen seine Dienste, dann stockt die ganze Blutzirkulation. Hören Verdauung oder Sekretion auf, so werden alle Glieder nacheinander in ihren Funktionen lahmgelegt, und der Tod tritt ein. Das gleiche gilt nun, wie schon Sokrates bemerkt hat, vom sozialen Organismus. Der Weltkrieg ist ein förmliches Schulbeispiel dieser sokratischen Lehre. Geht der Staat zugrunde, so werden alle Mitbürger unfehlbar in Mitleidenschaft gezogen. Ein verlorener Krieg, eine tellurische Katastrophe, eine große Ueberschwemmung, ein nationales Unglück trifft nicht so sehr den Sammelbegriff Staat und Nation, die als abstrakte Allgemeinbegriffe ja gar keine selbständige Existenz haben, vielmehr haben die einzelnen Bürger die Folgen zu spüren. Denn das Kollektivum:. Staat oder Nation ist nur eine von Menschen errichtete Instanz zur Regulierung des sozialen Gleichgewichts. Ist das Gleichgewicht im Staatshaushalt empfindlich gestört, so teilt sich dieser Mangel unausbleiblich allen Bürgern des Gemeinwesens in geringerem oder größerem 139