Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 25 (1923-1924)
- Article
- Solidarität, Toleranz und Humanität
- Date
- 1923-01-01
- Page
- Seite 138 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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im pflanzlichen und tierischen Organismus z. B. ist schon ein Modell der Metabiose. „Jeder Organismus würde für sich allein bald die Außenwelt derartig einseitig verändert haben, daß er nicht. mehr lebensfähig wäre. Nur die Existenz zahlreicher, verschieden funktionierender Organismen erlaubt die stete Wiederkehr neuen Lebens auf der Erde." (Ludwig Jost, Vorlesungen über Pflanzenphysiologie. 1904. S.295) Kreislauf aller Energien und Stoffwechsel der lebendigen Zelle stellen somit die ewigen Musterbilder der Solidarität im Universum dar, und die menschliche Solidarität ist nur ein Spezialfall jener universellen Solidarität, die sich physikalisch im Gesetz vom Parallelogramm der Kräfte, biologisch in den Erscheinungen von Symbiose und Metabiose ausdrückt. So leben z. B. Tier- und Algenzellen in voller Symbiose. Die Kohlensäure, die in dem tierischen Gewebe als Abfalls- Produkt bereitet wird, kommt den Algen zugute, während der Sauerstoff, der im Stoffwechsel der Algen entsteht, von den Tierzellen wieder ausgenommen und zur Oxydation der als Nahrung dienenden organischen Substanzen verwendet wird. „In ihrer Symbiose", heißt es bei Oskar Hertwig (Allgemeine Biologie, 1906, S. 395) „vollzieht sich gewissermassen derselbe Kreislauf der Stoffe, der in der gesamten Natur , zwischen Tier- und Pflanzenreich stattfindet." Auf allerengstem Raume sind pflanzliche und tierische Zellen durch Symbiose scheinbar zu einem Individuum vereinigt. „Je mehr die Entwicklung aus Erden sortschreitet", sagt Herbert Spencer (Soziologie, deutsch von Vetter, Bd. LT, S. 8), „desto mehr nimmt der Grad der Gegenseitigkeit zu." Schon das Protoplasmaklümpchen, die lebendige Zelle, zeigt Wechselwirkung, eine Solidarität von Flüssigkeit und Zellkern. Jeder Organismus ist eben ein System der Selbstregulierung. Selbsterhaltung durch Verlängerung seiner Dauer und 138