Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 25 (1923-1924)
- Article
- Solidarität, Toleranz und Humanität
- Date
- 1923-01-01
- Page
- Seite 137 (sequence 5)
- Language
- German
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seines begüterten oder reicher mit Nahrung versehenen Genossen; er wird sein Tischgenösse, Kommensale, und daher die Bezeichnung: Kommensualismus. Hat aber nur der Gast Vorteile von diesem Genofsenschastsleben, während der Wirt zwar seine Selbständigkeit bewahrt, aber nur Nachteile aus der Symbiose zieht, so nennt man ein so einseitiges Genossenschaftsverhältnis: Parasitismus oder Schmarotzerdasein. Wenn das Verhältnis dagegen auf voller Gegenseitigkeit beruht und beide Lebensgenossen einander wechselseitig fördern, so bezeichnen wir dieses Verhältnis als Mutualismus — ein Gegenseitigkeitsverhältnis auf Lebensdauer. Einsiedlerkrebse z. B. zeigen die Anzeichen des Mutualismus. Während die Symbionten entweder ganz eng verbunden, fast zu einem Organismus zusammengewachsen erscheinen oder doch mindestens in der gleichen Ackererde neben einander dergestalt tätig sind, daß sie sich gegenseitig mit ihren Stoffwechselprodukten unterstützen, beobachtete der englische Forscher Ward (1899) noch das Phänomen der Metabiose. Danach kommen Organismen nicht neben-, sondern nacheinander am gleichen Orte vor, so zwar, daß der eine Organismus dem andern den Boden vorbereitet. Das ist das wahrhafte Modell menschlicher Solidarität. Der Mensch schreitet von der Symbiose, die er mit der Tierwelt teilt, also vom reinen Herdentierzustand, wobei aber nur die derselben sozialen Gruppe angehörenden Symbionten solidarisch für einander einstehen, während man für andere Gruppen, vollends für kommende Geschlechter keinerlei Fürsorge trifft, allmählich empor zu jener Metabiose, die in einer Fürsorge für künftige Generationen besteht. Auch für die Erscheinungen der Metabiose aber gibt uns die Physik wertvolle Fingerzeige und Analogien an die Hand. Der Kreislauf von Kohlenstoff und Stickstoff 137