Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 25 (1923-1924)
- Article
- Alt-Kempen
- Date
- 1923-01-01
- Page
- Seite 127 (sequence 47)
- Language
- German
- Belongs to
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Wir eilen dem Ende unserer Erzählung entgegen. Die Revolutionsstürme flauten ab. Die alte preußische Ordnung kehrte wieder zurück. Von den späteren Lebensschicksalen zweier Rädelsführer, nämlich Wertheims und Toklas, ist bereits oben das Nötige gesagt worden. Von Moritz Wieruszowski muß indessen einiges noch mitgeteilt werden Diesem tüchtigen, strebsamen Manne war die dumpfe Kille-Lust längst unerträglich geworden. Er sehnte sich nach einer seiner geistigen Regsamkeit besser entsprechenden Tätigkeit. Und so beschloß er denn, mit seiner zahlreichen, noch sehr jugendlichen Familie Kempen zu verlassen. Es war kein geringer Entschluß, sich von dem bejahrten, verehrten Vater loszulösen! Aber wohin die Schritte lenken? Von einer Auswanderung über den Aermelkanal oder gar über das atlantische Meer, nach Art der gewöhnlichen Kempener, konnte bei ihm keine Rede sein. Er erwählte sich als sein zukünftiges Arbeitsfeld — Görlitz, einen Ort, an dem bis zum Revolutionsjahr überhaupt keinem Juden, das volle Ansiedelungsrecht zustand! Die Wahl gerade dieses Ortes zeugte von einer ganz außerordentlichen moralischen Kühnheit und von einem nicht minderen Selbstvertrauen. Wieruszowski eröffnete im Beginne der fünfziger Jahre ein mäßig großes Geschäft mit Manufakturwaren Mit welch' scheelen Blicken die eingesessenen Krämer den aus der Pollakei zugewanderten Juden betrachteten, kann man sich unschwer vorstellen. Allein das focht ihn nicht an. Er wollte schon seinen Mann stehen. Es dauerte auch garnicht lange, und die Görlitzer bemerkten, daß dieser zugewanderteJude von einem ganz besonderen Schlage sei. Er gewann rasch an Vertrauen, an Ansehen. Sein überlegener Verstand, seine erprobte Menschenkenntnis, seine Schlagfertigkeit, vor allem seine unantastbare Rechtschaffenheit fanden allseitige Anerkennung. Bald saß der Zugewanderte, der Jude, im Rate der 127