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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1923-01-01 · 25 (1923-1924) · p. Seite 126

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
25 (1923-1924)
Article
Alt-Kempen
Date
1923-01-01
Page
Seite 126 (sequence 46)
Language
German
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Fischel Wertheim errichtete eine Leihbibliothek, in der die verbotenen Früchte zum Kosten bereit gehalten wurden. Hier war das Hauptquartier der Gemeindepolitiker. Hier Platzten die Geister aufeinander. Hier wurden die Agitationen zu den Wahlen in die verschiedenen parlamentarischen Körperschaften geleitet. Hier lag auch ein Exemplar der stenographischen Berichte über die Verhandlungen der Frankfurter Nationalversammlung aus, die gierig verschlungen wurden. Auf dem Markte erklangenrevolutionäre Gesänge in deutscher und polnischer Sprache. Man hörte eine deutsche Marseillaise und Jeszcze Polska nie zgin^la (Noch ist Polen nicht verloren). Auch ein freches Liedchen auf den Prinzen von Preußen, nach einer widerlich, klingenden Polkamelodie, ließ sich vernehmen. Die in der übrigen Provinz Posen so blutig verlaufenen Revolutionsmonate hindurch hatte indessen Kempen und der ganze Schildberger Kreis ein recht ruhiges Aussehen. Polen und Juden, besonders die letzteren, hatten einen guten Nachrichtendienst eingerichtet, der überall hin die Kunde verbreiten mußte, Kempen und Umgebung wimmle von schlesischen Landwehrregimentern, von Reitern und Geschützen. Das hielt die gefürchteten Sensenmänner, die Kosienurzi, in einer heilsamen Entfernung. In Wahrheit war auch nicht ein Soldat zur Stelle. Aber die gut durchgeführte List hatte ihre Früchte getragen und die Stadt vor Ungemach bewahrt. Eine andere dauernde Errungenschaft hat jedoch das Revolutionsjahr den Kempener Jüdinnen eingetragen. Die alte strenge Sitte der Frauen, tiefe Hauben zu tragen, lockerte sich beträchtlich. Man sah bereits viele Frauen mit „Haarscheiteln" einhergehen, und ganz vereinzelt erschienen sogar Frauen schon im eigenen Haarschmuck. Und dieser Neuerung gegenüber erwies sich sogar Malbims flammende Beredsamkeit völlig machtlos. 126

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