Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 25 (1923-1924)
- Article
- Alt-Kempen
- Date
- 1923-01-01
- Page
- Seite 119 (sequence 39)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3111067-3111116-3118052--6538-3118184- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Kopf gesetzt, aus seinem Sprößling einen protestantischen Geistlichen zu machen. Zu dem Ende sollte der Knabe die heilige Sprache so gründlich erlernen wie die jüdischen Kinder. Und so wanderte denn auch wirklich bas Christenkind ins Cheder. Ob sich indessen die väterliche Hoffnung verwirklicht hat, entzog sich unserer Kenntnis. Für seine Bemühung erhielt der Lehrer für jedes Kind ein „Monatsgeld" von fünf „Peim" (Behm, ein polnischer Groschen). Dazu kam noch der „Kibbud jomtow", als übliche Gabe für die drei großen Feste, und für den Winter Holz- und Lichtgeld. Man sandte wohl auch hie und da einige Lebensmittel dem Lehrer ins Haus. Mancherlei Anzeichen deuteten indessen schon daraufhin, daß dem Cheder keine lange'Lebensdauer mehr beschieden sei. Die preußische Schulverwaltung drang nämlich immer entschiedener bei der Gemeindeverwaltung aus Anstellung wirklicher Lehrer. Zunächst hatte die Posener Regierung bei der Kempener Gemeinde kein Glück. Denn diese blieb vorerst allen Mahnungen gegenüber von oben her völlig taub, oder sie suchte sich mit einem Lehrer-Ersatz abzufinden, der auf den beaufsichtigenden Kreisschulrat einen mehr als befremdlichen Eindruck machen mußte. Schließlich riß in Posen der Geduldfaden. Die Regierung griff durch, sandte einen jüdischen seminaristisch gebildeten und geprüften Lehrer, namens Skl ar z, nach Kempen und zwang die widerstrebende Gemeindeverwaltung zu dessen Anstellung. Vorher jedoch hatte der „Cheder" von einer ganz anders gearteten Seite her eine gefährliche Nebenbuhlerschaft zu bestehen. Die englische Missionsgesellschaft hatte sich nämlich Kempen als ihr Betätigungsfeld ausersehen und daselbst eine jüdische Schule zu errichten beschlossen, in der die Kinder unentgeltlichen Unterricht erhalten sollten. Unter der Leitung des sehr geschickten und liebenswürdigen Lehrers H a r t i g erfreute sich diese Schule einige Jahre eines ziemlichen Zuspruches. Der 119