Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 25 (1923-1924)
- Article
- Alt-Kempen
- Date
- 1923-01-01
- Page
- Seite 120 (sequence 40)
- Language
- German
- Belongs to
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Lehrer war indessen klug genug, um sehr bald einzusehen, daß in Kempen für die Missionsgesellschaft kein Weizen blühen Werve. Er zog es daher vor, in seinen zahlreichen Mußestunden Privatunterricht, namentlich im Klavierspiel zu erteilen. So drang allmählich ein Strählchen westeuropäischer Kultur in das bisher starr altjüdisch gebliebene Kempener Gemeindeleben ein. Gar manche ernsthafte Bedenken wurden gegen derartige Neuerungen erhoben. Es half indessen nichts. Die neue Zeit hatte auch in Kempen an einzelne Haustore angeklopft. Es mehrten sich überhaupt allerhand Anzeichen, daß der Hammer der Weltgeschichte zu einem neuen Stundenschlage auszuholen im Begriff stehe. Bisher hatte sich die Kempener Gemeinde teils durch natürlichen Zuwachs, teils durch Einwanderungen von Kongreßpolen, aber auch von dem fernen Brody, ja sogar aus dem mitteldeutschen Aschersleben vermehrt. Da begann gegen Ende der vierziger und stärker im Beginne der fünfziger Jahre ein erstes fühlbares Abströmen des Heranwachsenden Männergeschlechtes. Vorerst waren es die ^Jungen" aus der „Gaff", die es in dem halbmüßiggängerischen Treiben nicht länger auszuhalten vermochten. Es. zog sie mit Allgewalt hinaus in die weite Welt. Damals gab es nur ein einziges Land, auf das ihr Blick sich unverwandt richtete. Das war England. Bis in die Kempener „Hintergass" war der unwiderstehliche Lockruf von der bürgerlichen Bewegungsfreiheit gedrungen, die in jenem glücklichen Reiche ein gesetzlich verbrieftes Menschenrecht ist. Dort stehe es Jedem frei, sich durch redliche Arbeit durchzubringen, ohne von einer engherzigen, kurzsichtigen polizeilichen Bevormundung irgendwie behindert zu werden. „England" war zum Losungsworte für viele Kempener junge Burschen geworden. Mit geringen Habseligkeiten, einem dürftigen Zehrgroschen versehen, traten,sie mutig und mit einem unerschütterlichen Gott- und 120