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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1923-01-01 · 25 (1923-1924) · p. Seite 114

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
25 (1923-1924)
Article
Alt-Kempen
Date
1923-01-01
Page
Seite 114 (sequence 34)
Language
German
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IRI
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seinen Brüdern, betrat man das prächtig erleuchtete Gotteshaus. Weiß war die herrschende Farbe. Die heilige Lade an der Gebetwand schmückte ein weißseidener Vorhang, in dem hebräische Sprüche eingestickt waren. In weiße Gewänder waren die verheirateten Gemeindemitglieder gehüllt, deren Häupter durch gleichfarbige, silbergerandete Kappen bedeckt waren. Die an den Seiten schwarz-blaugestreiften Gebetmäntel vollendeten die malerische Jom-Kippur-Tracht. Das Gesamtbild in der dichtgefüllten „großen Schul", die an diesem hochheiligen Tage nur mit unbeschuhten Füßen betreten werden durfte, war in seiner edeln Einfachheit ein zu feierlicher Andacht stimmendes. Der Gottesdienst, trotz seiner scheinbaren Unordnung, die bei gewissen Gebeten sehr hörbar sich bemerkbar machte, war dennoch ergreifend, denn jeder Beter überließ sich seiner inneren Stimmung. Sobald indessen der Vorbeter einsetzte, wurde es dann mit einem Male mäuschenstill. Zuweilen geschah es allerdings, daß der Schames, der Tempeldiener, mit einem ,Scha" einige vorlaute Plauderer zur Ruhe ermahnen mußte. Das darf bei einer vierundzwanzig Stunden ununterbrochen fortgesetzten Aufeinanderfolge von Gebeten, Lobgesängen, Sündenbekenntnissen, Toravorlesungen nicht wundernehmen. Im großen und ganzen kam die innere Andacht bei solch einem altjüdischen, ungeregelten Gottesdienste dennoch zu einem vollen Ausdruck — trotz alledem. Verkündete dann der Schofarton das Ende des Fasttages, dann wurde das Abendgebet in einem ziemlich raschen Zeitmaß heruntergesprochen. Die menschliche Natur verlangte eben auch ihr Recht. Zu Haus angelangt, setzte man sich zu Tische zum „Anbeißen". Der dampfende Kaffee und der duftende Butterkuchen mundeten köstlich. Zwischen diesem Spätfrühstück und dem Nachtessen begab sich der Hausherr in Begleitung seines ältesten Söhnchens auf 114

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